Developing Stories: Adrian / aka_papu — Einen Film mit anderen Augen sehen

A long green-lit underground passage with columns receding towards the centre.

Die ersten zwei oder drei Tage nach der Entwicklung eines Films sind für Adrian oft die schwierigsten. Er betrachtet die Bilder und ist enttäuscht. Dann schaut er sie sich wieder an. Mit wachsendem Abstand zu seinen Erwartungen werden einige derselben Aufnahmen zu Lieblingsbildern.

Dieser Rhythmus gehört inzwischen zu seiner Bildauswahl. Unter dem Namen Adrian / aka_papu widmet er sich Architektur, Symmetrie und den Möglichkeiten, eine Stadt im Bild zu ordnen. Den Wert einer Fotografie zu erkennen, verlangt jedoch eine andere Form von Aufmerksamkeit: die Geduld, noch einmal hinzusehen.

Schwarzweißaufnahme eines Glasdachs mit einem sich wiederholenden Raster aus Dreiecken.
Flughafen Doha. Foto: Adrian / aka_papu.

Von der ersten Digitalkamera zur Minolta SR-T 100

Adrian kaufte seine erste Digitalkamera etwa 2008. Damals begrenzten die Objektivpreise aus seiner Sicht die Möglichkeiten zum Ausprobieren. Das änderte sich, als seine Freundin eine Zenit E mit der Aufschrift „Moskva-80“ mit nach Hause brachte. Sie fanden gemeinsam heraus, wie sie funktionierte. Die Bilder seiner Freundin ermutigten ihn, selbst eine Analogkamera zu kaufen: eine Minolta SR-T 100.

Die Ausrüstung erschien ihm erschwinglich, und das Fotografieren machte ihm Freude. Nach eigener Aussage fotografiert er seit 2011 ausschließlich auf Film. Was mit einer bestimmten Kamera begann, ist zu einer fortlaufenden kreativen Herausforderung geworden: Jede Aufnahme bietet ihm eine neue Gelegenheit, Gefühl und Form zusammenzubringen.

Der Blick des Ingenieurs

Adrian ist Entwicklungsingenieur und interessiert sich sehr für Architektur. Treppen, weite Ansichten, verlassene Orte und symmetrische Anordnungen ziehen ihn immer wieder an. Seinen Hang zur Symmetrie beschreibt er mit Humor: vermutlich eine Berufskrankheit.

„Ich liebe es, Ordnung im städtischen Chaos zu finden.“
Ein langer, grün beleuchteter unterirdischer Gang mit Säulen, die zur Bildmitte hin kleiner werden.
Prager U-Bahn. Foto: Adrian / aka_papu.

In den Bildern, die er für dieses Gespräch ausgewählt hat, zeigt sich dieses Interesse in den wiederkehrenden Säulen eines unterirdischen Gangs und der tiefen Perspektive einer Industriehalle. Im Bildrahmen bringt er einen komplexen Raum in eine klare Beziehung von Linien und Formen. Anderswo erscheinen Menschen als kleine Silhouetten in einem Tunnel. Die umgebende Struktur prägt, wie wir sie betrachten.

Reihen großer runder Maschinen und gelbe Geländer in einer hellen Industriehalle.
Wasserkraftwerk Stejaru, Rumänien. Foto: Adrian / aka_papu.

Seine Arbeit wurde auch von der Lomography-Community ausgezeichnet: aka_papu gehörte zu den TEN-AND-ONE-Gewinnern 2021 in der Kategorie Game Changers und zu den Gewinnern von Abstract Bodies, einem Qualifikationswettbewerb für die Kategorie Monochrome.

Einem neuen Film Zeit geben

Seine erste Reaktion auf einen entwickelten Film ist kein endgültiges Urteil. Adrian beschreibt, dass er einige Tage braucht, um sich mit dem vertraut zu machen, was tatsächlich auf den Bildern zu sehen ist – statt mit dem, was er sich von ihnen erhofft hatte.

Mit der Zeit haben sich seine Auswahlkriterien verändert. Unmittelbare technische Perfektion zählt für ihn weniger als eine Atmosphäre, die emotional nachwirkt. Wenn die Enttäuschung verflogen ist, kann ihm ein Bild ans Herz wachsen. Erneutes Hinschauen wird so Teil der Arbeit, obwohl die Aufnahme längst gemacht ist.

Ein symmetrischer Bahnsteig unter einem dunklen gewölbten Dach mit Oberlichtstreifen.
U-Bahn-Station Titan, Bukarest, Rumänien. Foto: Adrian / aka_papu.

Er möchte auch kein einzelnes Foto auswählen, das für alles steht. Jedes Bild trägt seinen eigenen Moment und seine persönliche Bedeutung. Er sieht das Archiv als größeres Puzzle und möchte, dass Betrachtende ihre eigenen Anknüpfungspunkte finden.

Zwei Kameras, mehrere Möglichkeiten

Auf Reisen nimmt Adrian zwei Kameras mit. In der einen steckt vielleicht ein Schwarzweißfilm, in der anderen ein Farbfilm. Oder er wählt unterschiedliche Empfindlichkeiten passend zu den erwarteten Bedingungen. So hält er sich innerhalb der Grenzen eines Films verschiedene Möglichkeiten offen.

Film regt ihn dazu an, langsamer und bei jeder Aufnahme bewusster zu arbeiten. Er probiert gern unterschiedliche Filmsorten aus, auch abgelaufene. Diese Entscheidungen gehören zu seiner persönlichen Arbeitsweise, die von der Neugier darauf geprägt ist, was aus einer Fotografie werden kann.

Menschliche Silhouetten in einem dunklen Tunnel nahe seiner hellen runden Öffnung.
Walk toward the light — im Zulaufstollen des Wasserkraftwerks Vidraru während der Sanierung. Foto: Adrian / aka_papu.

Unerwarteten Ergebnissen Raum geben

Adrians Interesse an Ordnung bedeutet nicht, dass jedes Ergebnis vorhersehbar sein soll. Er erzählt von versehentlichen Doppelbelichtungen, Lichteinfall und Farbverschiebungen durch schlecht gelagerten Film. Manchmal entstanden daraus Bilder, die er seinem ursprünglichen Plan vorzog.

Er schätzt solche Ergebnisse als Teil seiner Bildsprache. Das macht nicht jedes beschädigte oder unvorhersehbare Bild gelungen. Es zeigt vielmehr seine Bereitschaft, erst zu schauen, was ein unerwartetes Foto zu bieten hat, bevor er es verwirft.

Gleise und Straßenlaternen verschwinden nachts in grüngelbem Nebel.
Mist — Bukarest, Rumänien. Foto: Adrian / aka_papu.

Ein Foto braucht manchmal Zeit, bis es zu deinem wird

Anfängerinnen und Anfängern rät er, teure Ausrüstung nicht zur Voraussetzung für den Start zu machen und Fehler zuzulassen. Die nützlichste Erkenntnis aus seiner eigenen Arbeitsweise ist vielleicht noch einfacher: Lass nicht den ersten Blick über alles entscheiden.

Bei deiner nächsten Auswahl könntest du eine erste Vorauswahl aufheben und denselben Film einige Tage später erneut ansehen. Welche Bilder halten deine Aufmerksamkeit? Welche zeigen dir etwas, das du zuvor nicht bemerkt hast? Das ist eine Anregung aus Adrians Erfahrung, kein fester Zeitplan für alle.

Die Silhouette eines Boots mit Fahnen vor einem goldenen Sonnenuntergang über dem Meer.
Fischerstrand Thongyang Beach, Koh Samui, Thailand. Foto: Adrian / aka_papu.

Fragen zu Adrians analoger Fotografie

Welche Motive fotografiert Adrian / aka_papu?

Zu seinen wiederkehrenden Motiven gehören Architektur, Straßenszenen, Treppen, verlassene Räume und Symmetrie. Sein beruflicher Hintergrund als Entwicklungsingenieur prägt seinen Blick für Geometrie.

Warum betrachtet er einen frisch entwickelten Film später noch einmal?

Anfangs ist er oft enttäuscht. Nach einigen Tagen kann er die Fotografien besser von seinen Erwartungen trennen und Bilder entdecken, deren Atmosphäre bleibt.

Mit welcher Kamera begann er analog zu fotografieren?

Nachdem er die Zenit E seiner Freundin ausprobiert hatte, kaufte er eine Minolta SR-T 100. Nach eigener Aussage fotografiert er seit 2011 ausschließlich auf Film.

Entdecke Adrians Fotografien auf Lomography unter aka_papu und Instagram.

Eine andere Perspektive auf die gebaute Umwelt findest du im Gespräch mit Ethan Allen über Geometrie, Skateboarding und Erinnerung. Wenn du gerade mit Film anfängst, erklärt dir unser Leitfaden zum Entwickeln und Scannen deines ersten Films die nächsten praktischen Schritte.

Basierend auf Adrians schriftlichem Interview für Developing Stories. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio. Fotografien: Adrian / aka_papu. Aus dem Englischen übersetzt.

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