Auf der Geburtstagstorte von An Sens Mutter lag 2020 ein Foto: ein Instax-Bild von den beiden während einer Reise nach Da Lat. Ringsherum warteten Kerzen darauf, ausgepustet zu werden. An hatte die Torte mit dem Geld aus dem ersten Job gekauft und fotografierte nun diesen Moment.
Das entstandene Bild bewahrt eine Erinnerung in einer anderen. Unsichtbar bleiben der Stolz, diese Torte gekauft zu haben, die Wärme im Raum und die Jahre der Fürsorge, die diese Geste möglich gemacht haben. Für An gehören auch sie zur Fotografie.

Vor der Analogkamera kam das Familienalbum
Fotografie kam durch ein Kindheitsalbum in Ans Leben, das Ans Mutter zusammengestellt hatte. An, Jahrgang 1996, erinnert sich an den jährlichen Besuch im Fotostudio für ein Geburtstagsporträt. Fotos anzusehen und selbst fotografiert zu werden war lange vertraut, bevor An lernte, wie Film funktioniert.
Um 2020 stellte ein Freund An die analoge Fotografie vor, schenkte eine Kamera und erklärte die Bedienung. Aus der Neugier am Fotografieren wurde Interesse an Kameraeinstellungen und Filmentwicklung. Die Verbindung zum Familienalbum blieb: Bilder waren eine Möglichkeit, Erlebtes nah bei sich zu behalten.
Design und Fotografie können Unterschiedliches verlangen
An arbeitet im Grafikdesign, beschreibt Fotografie aber nicht als Erweiterung dieses Berufs. Design bedeutet für An Struktur und Kontrolle: Schrift, Bilder, Farbe und Layout so anzuordnen, dass sie eine Idee vermitteln. Fotografie eröffnet einen anderen kreativen Raum.
Ein Fehler im Design lässt sich manchmal schwer akzeptieren. Ein technisch unvollkommenes Foto kann dennoch wichtig sein, weil es ein Gefühl oder eine Erinnerung bewahrt. Beide Tätigkeiten unabhängig voneinander zu halten gibt An den Raum, jeder auf ihre eigene Weise zu begegnen.
„Für mich ist eine Kamera wie ein visuelles Tagebuch. Ohne Fotos vergesse ich vieles, deshalb versuche ich festzuhalten, was mir am meisten bedeutet.“
Zu diesem Tagebuch gehören Landschaften, Alltagssituationen und nahestehende Menschen, die sich gern fotografieren lassen. Es gibt aber auch Momente, in denen An die Kamera weglegt, um das Geschehen unmittelbar zu erleben. Die Balance ist nicht immer leicht: Meist möchte An eine Kamera in Reichweite haben.

Verschiedene Kameras für verschiedene Momente
In Ans Praxis gibt es keine endgültige Entscheidung zwischen Film und Digital. Eine manuelle Fujica Drive bietet eine bestimmte Art der Beteiligung, eine Konica C35 EF3 einen anderen Zugang zum Fotografieren auf Film. Für Arbeiten mit höherem Detailbedarf nutzt An eine Fujifilm X-T2; an Geburtstagen und Weihnachten kommen Sofortbildkameras zum Einsatz. Der Anlass entscheidet mit, welche Kamera dabei ist.
Experimentieren gehört zur Freude daran. An hat verschiedene Analogkameras ausprobiert und interessiert sich für Redscale, Diafilm, LomoChrome Purple und abgelaufene Filme, ebenso wie für Halbformat, Panoramen und Doppelbelichtungen. Das sind persönliche Vorlieben, keine Checkliste für andere.
Eine der hier gezeigten Fotografien war ein kleiner Erfolg: ein nächtliches Bild eines Streetfood-Wagens auf der Bùi Viện. An erinnert sich an den Händler mit gegrilltem getrocknetem Tintenfisch und die Energie der Straße ringsum. Die Aufnahme war wichtig, weil An dabei lernte, was mit der Kamera möglich war.

Das Foto, das es gibt
An bevorzugt meist Farbe. Trotzdem ist ein Schwarzweißfoto vom ersten monochromen Film besonders wichtig geblieben. Es war Kodak Tri-X 400, laut An im Juli 1979 abgelaufen und von einer unbekannten Person aus einer Online-Filmgruppe geschenkt. An belichtete ihn 2021.
Das Bild zeigt eine ruhige Anordnung aus Tischen, Stühlen und Schatten. An schätzt seinen Aufbau und die Überraschung, dass ausgerechnet dieser alte Film überhaupt Bilder hervorbrachte. Das Ergebnis gehört zu diesem Film und dieser Erfahrung; es verspricht nichts über das Verhalten anderer abgelaufener Filme.

Nach Fehlern gefragt, zieht An die Grenze nicht bei technischer Perfektion. Ein Foto kann körnig, staubig oder unerwartet gefärbt sein und trotzdem eine Erinnerung tragen. Am schwersten wiegt, gar kein Bild zu haben: Eine vergessene Speicherkarte, ein leerer Akku oder ein Filmproblem können bedeuten, dass ein Moment unaufgezeichnet bleibt.
An einem anderen Ort neu anfangen
An ist vor Kurzem von Vietnam in die USA gezogen. Während dieses Übergangs war das Smartphone der schnellste Weg, den Alltag festzuhalten. Analoge Fotografie fand seltener statt, doch An nimmt sich Zeit, zu ihr zurückzukehren, und ist neugierig darauf, an einem neuen Ort zu fotografieren und Filme entwickeln zu lassen.
Ans Rat an Anfängerinnen und Anfänger entspringt derselben Bereitschaft, immer wieder neu anzufangen: Arbeite mit der Kamera und der Erfahrung, die du hast, ohne auf technische Perfektion zu warten. Der Wert eines Fotos liegt für An in den Gefühlen und Momenten, die es trägt.
Das Geburtstagsfoto macht diese Idee greifbar. Eine Torte, Kerzen und ein kleines Sofortbild sind zu sehen. Die übrige Bedeutung bringt die Person mit, die sich erinnert.
Fragen zu An Sens Fotografie
Fotografiert An Sen ausschließlich auf Film?
Nein. An nutzt je nach Situation Analog-, Digital-, Sofortbild- und Smartphonekameras und experimentiert gern mit allen.
Welchen Einfluss hat Grafikdesign auf die Arbeit?
An beschreibt Design und Fotografie als unabhängige kreative Ausdrucksformen: Design verlangt Kontrolle; Fotografien können auch dann etwas Wertvolles bewahren, wenn sie technisch unvollkommen sind.
Was macht das Geburtstagsfoto wichtig?
Es zeigt die erste Geburtstagstorte, die An mit dem Verdienst aus dem ersten Job für die Mutter gekauft hat. Auf der Torte steht ein älteres Instax-Foto von den beiden.
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Basierend auf An Sens schriftlichem Interview für Developing Stories. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio. Fotografien und Bildangaben: An Sen. Aus dem Englischen übersetzt.