Ein schmaler Spalt zwischen den Vorhängen lässt Sommerlicht in ein dunkles Zimmer. Jemand liegt unter einer leichten Decke. Chihiro Sugita machte das Foto während der Pandemie, als es schwerfiel, nach draußen zu gehen. Heute gehört dieser unscheinbare Moment zu den Bildern, zu denen Chihiro mit besonderer Zuneigung zurückkehrt.
Die Zeit hat seine Bedeutung verändert. Seinen Wert auf Kosten anderer Fotografien erhöht hat sie aus Chihiros Sicht nicht. Diese Unterscheidung steht im Zentrum einer Praxis, die sich den Menschen, Dingen und kleinen Räumen im unmittelbaren häuslichen Umfeld widmet.

Ein Familienalbum weiterschreiben
Chihiro lebt in Osaka, Japan, hat Fotografie an einer Fachschule studiert und fotografiert hauptsächlich den Alltag auf Film. Das Interesse begann viel früher: mit der Freude am Blättern in Kindheitsalben.
Besonders faszinierend waren die Abzüge mit Datumsstempel, die Chihiros Vater mit einer kleinen analogen Kompaktkamera aufgenommen hatte. Später war eine zum Geburtstag geschenkte digitale Kompaktkamera überall dabei: in der Schule, bei Ausflügen und mit Freunden.
Damals wünschte sich Chihiro manchmal, einfach durch Blinzeln ein Foto machen zu können. Die Begeisterung galt den Fotografien selbst, mehr als den Kameras als Gegenständen. Heute Bilder zu machen fühlt sich an, als würde die Geschichte aus diesen Familienalben weitergeschrieben.
„Ich glaube, dass mein Blick und meine Gefühle in den Bildern bleiben, die ich mache.“
„Fotografie ist für mich wie ein Spiegel.“ Auch wenn Chihiro nicht im Bild zu sehen ist, kann die Wahl des Motivs etwas über die Person hinter der Kamera verraten. Der Blick eines geliebten Menschen oder ein immer wieder fotografierter Gegenstand kann helfen, sich selbst wiederzuerkennen.
Im Umkreis von fünf Metern beginnen
Zu Chihiros wiederkehrenden Motiven gehören das eigene Zimmer und die Welt in einem Umkreis von ungefähr fünf Metern: Menschen, Lieblingsplatten, Kleidung, Stofftiere und vertraute Dinge. Sie sind wichtig, weil eine persönliche Beziehung zu ihnen besteht.
Chihiro nennt diesen Ansatz „Glocal Journalist“: mit dem Nahen beginnen, um einen Zugang zur weiteren Welt zu finden. Wer ein kleines Umfeld aufmerksam betrachtet, kann auf Fragen stoßen, die darüber hinausreichen.

Was fotografierenswert erscheint, hat sich mit der Zeit erweitert. Frühe Bilder konzentrierten sich auf Schönheit und positive Erlebnisse. Heute nimmt Chihiro auch Ironie und schwierige Seiten des Alltags wahr. Dafür muss nicht jedes private Beispiel ausgesprochen werden: Der Wandel verändert, was die Kamera zeigen darf.
Eine andere Erinnerung an ein Zimmer
Beim Sprechen über das Bild im Bett erinnert sich Chihiro an psychische Belastungen, die es beiden in der Beziehung während der Pandemie schwer machten, das Haus zu verlassen. Selbst an sonnigen Sommertagen blieben sie manchmal gemeinsam unter einer leichten Decke drinnen.
Heute ist das Leben anders. Chihiro und die Person an Chihiros Seite gehen gern aus und fotografieren einander. Auf das Zimmer zurückzublicken heißt, sich an eine Zeit zu erinnern, in der sich ihre Aufmerksamkeit nach innen richtete: auf sich selbst und die unmittelbare Umgebung.
Mit dem Abstand zu dieser Zeit ist das Foto kostbarer geworden. Es bewahrt, wie sich das Leben damals anfühlte, ohne zu verlangen, dass die Gegenwart genauso aussieht.
Gleicher Wert bedeutet nicht gleiche Bedeutung
Chihiro unterscheidet klar zwischen der Auswahl von Bildern für andere und der Frage, ob ein Foto überhaupt einen Platz verdient. Ein technisch unbeholfenes oder amateurhaftes Bild verliert dadurch nicht seinen Platz im Archiv.
„Für mich hat jede Fotografie den gleichen Wert.“
Es gibt Gründe, ein Bild privat zu halten, besonders wenn seine Veröffentlichung jemandem schaden könnte. Scham über die Technik ist für Chihiro aber kein Grund, das Foto selbst abzuwerten. Unter passenden Umständen dürfte gern das ganze Archiv gesehen werden.
Diese Haltung lässt Raum für Veränderung. Ein Bild kann Jahre später persönlich wichtiger werden, ein anderes etwas anderes bedeuten als früher. Keine dieser Veränderungen macht die übrigen Fotografien weniger bewahrenswert.

Mit einem Zine nach Hiroshima zurückkehren
Chihiro lebte zwei Jahre in Hiroshima, verbrachte aber einen großen Teil dieser Zeit auf dem Weg zwischen Schule und Wohnheim. Nach dem Wegzug blieb das Gefühl, die Stadt selbst verpasst zu haben. Zurückzukehren bedeutete, durch ihre Straßen zu gehen, Freunde wiederzusehen und zu fotografieren.
Die daraus entstandene Abschlussarbeit verbindet zwei Erfahrungen Hiroshimas. Viele Menschen verbinden die Stadt mit dem Atombombenabwurf von 1945. Für Chihiro ist sie zugleich ein Ort der Freundschaft und des Alltags. Die Arbeit fragt, wie historische Erinnerung und das Leben, das um sie herum weitergeht, nebeneinander bestehen.
Die Fotografien sind keine direkte Dokumentation des Bombenabwurfs oder seiner Geschichte. Sie folgen einem persönlichen Versuch, die Verbindung zu Hiroshima wiederzufinden und die Stadt aus beiden Perspektiven zu verstehen. Auch darin zeigt sich der Ansatz „Glocal Journalist“: von einer gelebten Beziehung zu einem Ort ausgehen und sie für eine größere Frage öffnen.
2026 griff Chihiro die Abschlussarbeit wieder auf und machte daraus ein Foto-Zine. Die Bilder treffen nun auf einen anderen Lebensabschnitt. Erneut mit ihnen zu arbeiten ermöglicht es, die frühere Erfahrung aus der Gegenwart zu betrachten.
Chihiro erinnert sich an Instagram als einen Ort, an dem ein einzelnes Foto mit einer überlegten Bildunterschrift zugleich beiläufig und bedeutungsvoll sein konnte. Aus Chihiros Sicht haben sich die Plattform und das weitere Umfeld der Bilder verändert. Zines und Gespräche bieten andere Möglichkeiten, Fotografien Aufmerksamkeit zu schenken.
Eine materielle Spur bewahren
Film ist auch deshalb wichtig, weil er Chihiro mit den Familienfotos verbindet, die den ersten Anstoß zum Fotografieren gaben. Ein weiterer Reiz ist das physische Negativ: Ein Objekt zu haben, das das Bild trägt, fühlt sich bedeutungsvoll an. Auch die Chemie hinter der Entstehung fotografischer Bilder fasziniert Chihiro.
Auch das iPhone hat seinen Platz. Durch seine Unmittelbarkeit lässt sich fotografieren, sobald der Impuls dazu entsteht. Welches Gerät zum Einsatz kommt, hängt von Moment und Stimmung ab, ohne Chihiros besondere Bindung an Film aufzuheben.
„Fotografien sind der Beweis dafür, dass ich gelebt habe.“ Ein Bild zu bewahren heißt für Chihiro, eine Lebensspur festzuhalten – einschließlich der gewöhnlichen Momente, die sonst unbemerkt vergehen könnten.
Anfängerinnen und Anfänger möchte Chihiro ermutigen, Freude daran zu finden, einen Moment unserer begrenzten Zeit zu bewahren. Dieses Zeitgefühl bringt Chihiro klar auf den Punkt:
„Was jetzt direkt vor uns ist, könnte schon 0,1 Sekunden später nicht mehr da sein.“
Die Menschen und Dinge vor der Kamera werden sich verändern. Ein Foto gibt diesem kleinen Stück Leben einen Ort, an dem es bleiben kann.
Fragen zu Chihiro Sugitas Fotografie
Was bedeutet „Glocal Journalist“ in dieser Arbeit?
So nennt Chihiro den Ansatz, von der unmittelbaren Umgebung auszugehen – von Menschen, Gegenständen und dem Leben zu Hause –, um Aspekte der weiteren Welt zu verstehen.
Muss jede Fotografie geteilt werden?
Nein. Chihiro trennt den Wert eines Fotos von der Entscheidung, es zu veröffentlichen. Ein Bild zu teilen sollte niemandem schaden.
Worum geht es im Hiroshima-Projekt?
Chihiro kehrte nach Hiroshima zurück, um Freunde wiederzusehen und zu erkunden, wie die historische Erinnerung der Stadt mit ihrem Alltag zusammenlebt. Es ist ein persönliches Fotoprojekt, keine direkte Dokumentation des Atombombenabwurfs. Ursprünglich als Abschlussarbeit entstanden, wurde es 2026 erneut aufgegriffen und zu einem Foto-Zine.
Entdecke Chihiro Sugitas LomoHome und die Hiroshima-Serie. Weitere Perspektiven auf Erinnerung und Alltagsfotografie findest du in Developing Stories.
Basierend auf Chihiro Sugitas schriftlichem Interview. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio. Fotografien: Chihiro Sugita. Aus dem Englischen übersetzt.