Aufmerksamkeit kommt für Alexandra Fuller einer spirituellen Praxis am nächsten. Ihre Fotografien bleiben zurück, nachdem sie bei einem Ort, einem Tier, einem Menschen oder einer Geste länger verweilt hat, als der Alltag gewöhnlich zulässt.
Diese Beziehung zum Schauen begann schon vor der Fotografie. Fuller war ein Kind, das gern schrieb, voller innerer Bilder, die sie nicht zeichnen konnte. Mit elf Jahren bekam sie von ihrem Vater eine alte Nikon. Die Kamera wurde zum fehlenden Werkzeug: Sie konnte ausdrücken, was sie sich bereits vorstellte. Das Schreiben blieb dabei stets Teil ihres Lebens.
Ein Grund zum Bleiben
Fuller ist Autodidaktin. Als sie keinen Platz im Fotokurs ihrer Highschool bekam, übernahm sie freiwillig die Betreuung der Dunkelkammer und lernte dort. An der Universität wurde sie Bildredakteurin der Studierendenzeitung und erhielt Zugang zu Filmmeterware, die sie selbst in Patronen laden konnte.
Wichtiger als das technische Wissen war, was die Kamera ihr im Umgang mit anderen und auf emotionaler Ebene erlaubte. Wer fotografiert, darf länger hinsehen. Für Fuller wurde das zu einer Möglichkeit, die Welt zu spüren, statt sie nur zu betrachten.

Dann legte sie die Fotografie beiseite. Als der rasche Wechsel zur Digitaltechnik begann, konnte sie sich die neue Ausrüstung nicht leisten. Rund zwanzig Jahre lang drehte sie Filme, gründete eine Familie und baute ihre berufliche Laufbahn auf. Mit vierzig kehrte sie zur Fotografie zurück – mit zwei Jahrzehnten Erfahrung im Schreiben und in der Regie.
Land, das leer aussieht, es aber nicht ist
Fuller lebt in Boulder, Utah, inmitten der Sandsteinlandschaft der Region Grand Staircase–Escalante. Weite Landschaften ziehen sie an, weil sie menschliche Probleme kleiner erscheinen lassen. Ihre Fotos widersprechen jedoch der Vorstellung, dass diese Landschaften leer seien.
Sie entdeckt Spuren menschlicher Anwesenheit: in Espenrinde geritzte Initialen, Reifenspuren auf Salzflächen, Zäune und verlassene Eisenbahnwaggons. Zugleich fotografiert sie die Gegenbewegung, wenn Wildnis in menschliche Räume gelangt: ein Tier im Türrahmen, ein Vogel, der aus dem Bild fliegt, ein Hund, der sich durch einen Zaun drängt, ein Insekt in einer Kinderhand.

Über die Jahre kehren bestimmte Formen immer wieder, ohne dass sie bewusst danach sucht: bewegtes Wasser, Schatten, Vögel, Körper hinter Hindernissen und vor allem Öffnungen. Türen, Lücken, Vorhänge und Schwellen tauchen so häufig auf, dass Fuller darin keinen Zufall mehr sieht.
Reibung, Material und der Große Salzsee
Das analoge Verfahren ist Fuller wichtig, weil es Widerstand und Reibung erzeugt. Warten und Ungewissheit schärfen die Aufmerksamkeit. In Dissolution, einer über mehrere Jahre am Great Salt Lake entstandenen Arbeit, wurde diese materielle Verbindung ganz konkret. Fuller sammelte Salz aus dem See und fertigte damit zusammen mit Silbernitrat Salzpapierabzüge ihrer Uferaufnahmen an. Anschließend tonte sie die Abzüge mit Gold.
Das Seesalz enthielt Verunreinigungen. Diese zeichneten sich auf den Abzügen ebenso ab wie die Spuren der handwerklichen Arbeit. Für Fuller bedeutet das keine Ablehnung digitaler Werkzeuge. Sie scannt Negative und stellt bei Bedarf große Digitalnegative her. Entscheidend ist ihr die körperliche Beziehung zum Bild. Sie möchte Objekte schaffen, die daran erinnern, dass Unvollkommenheit, Beschädigung und Wildheit zur wirklichen Welt gehören.

Vom Filmemachen zurück zur Fotografie
Zwanzig Jahre als Filmemacherin haben Fullers Blick auf einzelne Fotografien verändert. Bildfolge, Rhythmus und die Bedeutung, die ein Bild einem anderen verleiht, wurden Teil ihrer fotografischen Sprache. Ihre Rückkehr nahm 2020 Fahrt auf, als ein Dokumentarfilmprojekt aus ethischen und praktischen Gründen ins Stocken geriet. Ein möglicher Geldgeber verlangte eine reißerischere Geschichte, die ihrer Ansicht nach den Menschen, die sie seit Jahren kannte, nicht gerecht geworden wäre. Dann machte die Pandemie die Zusammenarbeit beim Filmemachen nahezu unmöglich.
Sie wandte sich wieder Fotografien und Gedichten zu. Was als Rückzug begann, wurde zu einer Wiederentdeckung.
Vom Konzept zum Instinkt
In den ersten Jahren nach ihrer Rückkehr arbeitete Fuller an klar umrissenen Projekten: Zuerst stand eine Idee, dann entstanden Bilder, die ihr nachgingen. Gleichzeitig wuchs im Hintergrund eine weitere Sammlung – intuitiv aufgenommene Fotos, deren Verbindung sie noch nicht verstand.

Aus diesem Archiv stellt sie nun eine Werkgruppe mit dem Titel Great Good Fortune zusammen. Die wiederkehrenden Motive sind rätselhafter und beharrlicher als erwartet: Tiere an Öffnungen, Spuren in wilden Landschaften, Spiegelungen, Hände, Hindernisse und kleine, fast rituelle Gesten. Fuller fertigt Silbergelatineabzüge an. Später soll daraus ein Fotobuch entstehen, in dem Wiederholung und Dauer über die Seiten hinweg wirken können – so, wie Zeit im Film wirkt.
Aufmerksamkeit als Fürsorge
Fuller versteht Fotografie weniger als bloßes Aufzeichnen denn als eine Form der Verbindung. Eine Kamera bei sich zu haben, verringert die Distanz und schenkt dem Aufmerksamkeit, was ins Bild gerät.
„Es geht um das Hinsehen selbst“ bringt ihre Arbeitsweise am klarsten auf den Punkt. Anhaltende Aufmerksamkeit wird zu Fürsorge. Was wir immer wieder anschauen, verschwindet ihrer Ansicht nach seltener unbemerkt. Und das Schauen verändert beide Seiten: den betrachtenden Menschen und das Betrachtete.
Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Filmen, die wir entwickeln.