Developing Stories: Anthony Porcaro — Wenn Fiktion zu einem chemischen Beweis wird

“Autorefractor No. 1” — photograph by Anthony Porcaro

Anthony Porcaros Fotografien beginnen mit einem Widerspruch. Er baut bewusst künstliche Szenen – Miniaturen, digitale Montagen, unmögliche Räume – und fotografiert sie dann im Kollodium-Nassplattenverfahren. Dessen Schlieren, Blasen und chemisch bedingte Unregelmäßigkeiten gelten häufig als Zeichen fotografischer Echtheit.

Dabei geht es ihm nicht darum, die Inszenierung zu verbergen. Er fragt vielmehr, warum bestimmte materielle Spuren uns einem Bild vertrauen lassen – und was geschieht, wenn ein historisches, mit Wahrhaftigkeit verbundenes Verfahren etwas festhält, das nie existiert hat.

Die Entdeckung: Fotografie ist Chemie

Während seines Studiums fand Porcaro einen intensiven Zugang zur Fotografie. Ein Dunkelkammerkurs und ein erstes Projekt mit Fotogrammen machten das Medium plötzlich greifbar: Ein analoges Bild war nicht bloß ein Bild, sondern eine chemische Darstellung von Licht und Zeit. Später lernte er bei einem Studium in Florenz Cyanotypie, Salzpapier- und Albumindruck kennen. Mit diesen historischen Verfahren konnte er Fotografie zugleich mit einem Ort, einem Thema und dessen Geschichte verbinden.

“Autorefractor No. 1” — Foto von Anthony Porcaro
“Autorefractor No. 1” — Foto von Anthony Porcaro

Diese Verbindung reicht inzwischen über seine eigene Arbeit im Atelier hinaus. Als Künstler und Lehrender betrachtet Porcaro das Wissen um ältere fotografische Verfahren als gefährdet. Gerade das Kollodium-Nassplattenverfahren lebt davon, dass Menschen es weiterhin anwenden, lehren und weitergeben. Es zu bewahren, ist deshalb Teil seiner künstlerischen Arbeit.

Das Bild als widersprüchliches Objekt

Beobachtung und die Künstlichkeit heutiger Bilder ziehen sich durch Porcaros Werk. Ihn beschäftigt das Beobachtetwerden: durch ein Publikum, soziale Medien, Algorithmen oder einen im Bild angedeuteten Betrachter. Arbeiten wie Sky Box, Viewer und die Reihe Autorefractor übersetzen dieses Unbehagen in konstruierte Räume.

“Law of Gravity” — Foto von Anthony Porcaro
“Law of Gravity” — Foto von Anthony Porcaro

Eine Szene aufzubauen, kann Wochen oder Monate dauern. Tapeten, Möbel, Raumaufteilung und kleine Dekorationsgegenstände unterstützen jeweils die zentrale Idee. Fotografieren ähnelt dabei eher dem Zeichnen, Malen oder Bühnenbildbau als dem spontanen Schnappschuss. Durch die lange Entstehungszeit verbindet sich jedes Bild auch mit einem bestimmten Abschnitt in Porcaros Leben.

Warum „Viewer“ seine Arbeit verändert hat

Viewer markierte eine Wende. Zuvor setzte Porcaro realistisch wirkende Szenen oft als digitale Fotomontagen zusammen, druckte sie aus und fotografierte sie erneut auf Nassplatte. Die chemisch bedingten Unregelmäßigkeiten wirkten dabei wie Zeichen von Authentizität.

“Silvered Apple” — Foto von Anthony Porcaro
“Silvered Apple” — Foto von Anthony Porcaro

Die Räume tatsächlich zu bauen, eröffnete neue Möglichkeiten. Nassplatten können außerordentlich viele Details wiedergeben, und die Miniaturkulissen boten dafür das passende Material. Die fiktiven Räume wurden greifbarer, räumlicher und überzeugender. Zugleich ließ sich ihre Entstehung in Ausstellungen sichtbar machen: Neben dem Foto konnte das Publikum auch die Arbeit am Aufbau der Szene nachvollziehen.

“The Hollowed Architecture of Human Form Refuses to Bear the Weight of Man” — Foto von Anthony Porcaro
“The Hollowed Architecture of Human Form Refuses to Bear the Weight of Man” — Foto von Anthony Porcaro

Unvollkommenheit als Beweis

Für Porcaro sind die Unregelmäßigkeiten des Kollodium-Nassplattenverfahrens keine Fehler, die beseitigt werden müssen. Sie tragen wesentlich zur Bedeutung der Arbeiten bei. Eine Blase, eine Schliere oder ein ungleichmäßiger Rand belegen, dass vor der Kamera tatsächlich chemische und physikalische Vorgänge stattgefunden haben. Diese materiellen Spuren verleihen seinen erfundenen Szenen eine Glaubwürdigkeit, die eine makellose digitale Datei nicht hätte.

Gerade diese Spannung macht die Arbeit interessant: Fantastische Szenen werden mit einem Verfahren wiedergegeben, das historisch mit objektiver Wahrheit verbunden ist. Das Foto ist zugleich Fiktion und Beleg.

“Sky Box” — Foto von Anthony Porcaro
“Sky Box” — Foto von Anthony Porcaro

Zum Experimentieren ermutigen

Auch das Unterrichten bringt Porcaros eigene Arbeit voran. Er ermutigt seine Studierenden zum Experimentieren: Eine eigene fotografische Sprache entsteht oft beim Erproben unbekannter Verfahren, nicht durch die Wiederholung bewährter Methoden. Diesen Gedanken wendet er auch auf sich selbst an. Jüngste Versuche mit Doppelbelichtungen auf Nassplatten eröffneten neue erzählerische Möglichkeiten – obwohl der enge zeitliche Ablauf des Verfahrens solche Techniken erschwert.

Sein aktuelles Interesse an den Bildern in Autorefraktometern führt das Thema der Beobachtung weiter. Bei einer Augenmessung blickt der Patient auf ein beruhigendes Motiv in der Mitte des Geräts, während dieses das zurückblickende Auge untersucht. Porcaro verbindet diese Idee mit Stereofotografie und Doppelbelichtungen auf Nassplatten: Es geht um das Sehen, das Gesehenwerden und den Apparat dazwischen.

“Viewer” — Foto von Anthony Porcaro
“Viewer” — Foto von Anthony Porcaro

Genau hinsehen

Porcaros Arbeiten verlangen Zeit, weil viel Zeit in ihnen steckt. Die Szenen entstehen Schicht für Schicht. Ihre Details verweisen auf Kunstgeschichte, frühere Werke, Beobachtungen und Erinnerungen. Dass das fertige Bild surreal wirkt, macht nichts darin zufällig.

Die Einladung lautet deshalb: Schau genau hin. Hinter der Chemie liegt eine gebaute Welt, und hinter dieser Konstruktion die Frage, was wir glauben, wenn ein Foto echt erscheint.

Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Filmen und fotografischen Verfahren, denen wir begegnen.

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