Camille Charlier fand über ihr Medien- und Kommunikationsstudium zur Fotografie, zunächst mit einer großen DSLR, später mit Film. Seit vier oder fünf Jahren nimmt analoge Fotografie einen festen Platz in ihrem Leben ein. Ihre Kamera begleitet sie durch Städte, zu Architektur und Straßenszenen und in die kleinen Alltagsmomente mit nahestehenden Menschen.
Auf Reisen fiel ihr das Fotografieren lange leicht, in Berlin dagegen schwerer. Dann begann sie, die Kamera auch zu Hause häufiger mitzunehmen.

Der Hongkong-Film, der anders ausfiel als erwartet
Im Jahr 2024 reiste Charlier mit einem Schwarzweißfilm nach Hongkong. Die Stadt gab ihr alles, was sie fotografieren wollte: dichte Architektur, Straßen, schnelle Bewegung, Essen, Kultur und eine intensive Mischung aus modernen und traditionellen Umgebungen.
Dann kam der Film zurück.

Die Kompaktkamera hatte ein Autofokusproblem. Viele Aufnahmen waren unscharf oder auf eine andere Stelle fokussiert als beabsichtigt. Zuerst war Charlier enttäuscht. Später sah sie den Film erneut an und versuchte, die Bilder nicht länger an ihrer ursprünglichen Vorstellung zu messen.

„Ich habe einfach versucht, meine Vorstellung davon loszulassen, wie die Bilder aussehen würden.“
Dieser Perspektivwechsel veränderte ihren Blick auf den Film. In einer Aufnahme sollte ein Mann im Mittelpunkt stehen, der ein Fußballspiel beobachtete. Stattdessen hatte die Kamera auf die Hochhauswand hinter ihm fokussiert. Der technische Fehler verschob die Bedeutung des Bildes: Die dichte, beinahe klaustrophobische Bebauung um den Spielfeldrand rückte in den Vordergrund.
Aus dem vermeintlich misslungenen Foto wurde ein anderes Bild.

Zuhause fotografieren lernen
Zurück in Berlin nimmt Charlier ihre Kamera bewusst im Alltag mit, statt auf die nächste Reise als Anlass zum Fotografieren zu warten. Sie entdeckt mehr Ecken, Formen, Lichtstimmungen und Momente mit Freunden. Manchmal macht sie ein Foto; manchmal hilft die Kamera ihr einfach, genauer hinzusehen.

Dadurch ist Berlin nicht exotischer geworden. Das Vertraute ist sichtbarer geworden.
Warum Porträts verletzlich machen
Zu Porträts kehrt Charlier besonders oft zurück, obwohl sie ihr schwerer fallen als Aufnahmen von Gebäuden oder Straßen. Für sie macht Porträtfotografie beide Seiten der Kamera verletzlich. Die fotografierte Person weiß vielleicht nicht, wie sie sich halten soll oder ob sie sich später auf dem Bild mögen wird. Die Fotografin muss unmittelbar reagieren, anleiten, ohne alles zu kontrollieren, und erkennen, wann etwas Echtes sichtbar wird.

„Ich möchte, dass sie sehen, warum ich genau diesen Moment für fotografierenswert hielt.“
Wenn jemand ein von ihr gemachtes Porträt sieht, hofft Charlier, dass er die Schönheit erkennt, die sie gesehen hat – nicht nur die äußere Erscheinung, sondern auch das Selbstvertrauen, die Atmosphäre, die Geste oder die Aktivität, die in diesem Moment stattfindet.

Unerwartete Bilder, erinnerte Momente
Ihre Beziehung zum Film verbindet sich zunehmend mit dieser Offenheit für Überraschungen. Ein technisch unvollkommenes Bild kann zum Lieblingsfoto werden. Ein Fehlfokus kann eine Aufnahme unerwartet stärker machen. Eine vertraute Stadt wird wieder zum Motiv, sobald man bewusster hinschaut.
Charlier möchte sich intensiver mit Porträts beschäftigen, von Fremden ebenso wie von Menschen, die ihr sehr nahe stehen. Beides verlangt, vertraute Gewohnheiten zu verlassen. Gerade das reizt sie: Ein Foto kann nicht deshalb bedeutsam werden, weil es einem Plan entspricht, sondern weil es etwas zeigt, das sich nicht planen ließ.

Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Fotografien, denen wir begegnen.