Costanza Parigi wuchs mit analoger Fotografie als Teil des Familienalltags auf. Ihre Eltern fotografierten mit einer Olympus, die heute ihr gehört. Zu ihren frühesten Erinnerungen zählt, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester an Orten zu posieren, an die sich die Familie später erinnern wollte.
Schon in der Grundschule fotografierte sie selbst mit analogen Kompaktkameras: auf Klassenfahrten, in Ferienlagern und zu Hause. Ihre orangefarbene Katze und ihre Schwester waren wiederkehrende Motive, lange bevor Fotografie Teil ihrer beruflichen Identität wurde.

Farbe als Interpretation
Heute ziehen Parigi Straßen, Märkte, Stadtlandschaften und kleine Details an, die den alltäglichen Bewegungsfluss unterbrechen. Farbe spielt in ihrer Fotografie eine zentrale Rolle – aber nicht, weil sie sie als etwas Feststehendes oder Objektives betrachtet.
Für sie ist jede fotografierte Farbe bereits eine Interpretation. Film macht das sichtbar: Verschiedene Filmsorten, Lichtverhältnisse und chemische Prozesse lassen aus derselben Welt unterschiedliche Versionen entstehen.
Das Leben in Berlin hat dieses Bewusstsein geschärft. In der dunkleren Jahreszeit bringt sie das fehlende Licht dazu, gezielt nach Farbe zu suchen. Die Stadt wirkt dadurch nicht visuell leer; vielmehr wird der Mangel zum Anlass, genauer nach den Momenten zu schauen, in denen Farbe bleibt.

Warten, bis die Erinnerung verblasst
Wenn ein Film entwickelt wird, erinnert sich Parigi selten an alle Aufnahmen. Abgesehen von bewusst gestalteten Porträts oder Bildern an völlig unbekannten Orten ist vieles auf dem Film bereits aus ihrer Erinnerung verschwunden.
Dieser Abstand macht einen Teil des Reizes aus. Wenn die Fotos zurückkommen, prüft sie nicht bloß, ob die Belichtung gelungen ist. Sie begegnet dem Moment noch einmal, aus einer anderen Entfernung.
Das Bild wird zum Auslöser, der das Ereignis noch einmal erlebbar macht, statt es nur zu dokumentieren.
Das Ergebnis später auf sich zukommen lassen
Auch nach Jahren des Experimentierens mit verschiedenen Farbfilmen möchte Parigi nicht jedes Ergebnis vorhersehen. Ihre Erfahrung hat ihr gezeigt, welche Materialien sie mag. Doch die Überraschung bleibt ein wichtiger Teil des Prozesses.
Bei analoger Fotografie entzieht sich ein Teil des Bildes der unmittelbaren Kontrolle. Diese Ungewissheit lässt das fertige Foto ein wenig anders werden als der Plan, aus dem es entstanden ist.
Doppelbelichtungen und imaginäre Welten
Einige ihrer gelungensten Bilder entstanden, als Parigi diese Ungewissheit durch Doppelbelichtungen bewusst weitertrieb. Aus den Experimenten wurde eine Serie, die sie später für Dreamscapes Unbound, ein Fanzine ihres unabhängigen Verlagsprojekts Chubby Bambino, verwendete.
Darin zeigt sich eine grundsätzliche Richtung ihrer Arbeit: Fotografie als Möglichkeit, Welten zu erschaffen, statt sie nur aufzuzeichnen. Das Experiment wird zur Methode, Realität, Erinnerung und Vorstellung in einem Bild zusammentreffen zu lassen.

Brasil — Inner Cities Portraits
Parigis Projekt Brasil — Inner Cities Portraits entstand zwischen 2024 und 2025 im Norden Brasiliens, vor allem in Belém und Manaus. Die Serie betrachtet das städtische Leben in den Hauptstädten der Amazonasregion: Märkte, Straßen und Menschen, die sich durch die historischen Stadtzentren bewegen.

Das Projekt fügt sich in ihre Arbeit als visuelle Anthropologin, Filmemacherin und Forscherin ein. Parigi verbindet Feldforschung, geisteswissenschaftliche Forschung, Filmproduktion und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Besonders interessieren sie Gemeinschaften und die Weitergabe kulturellen Wissens.
Die Kamera wird damit sowohl zum künstlerischen Werkzeug als auch zu einer Möglichkeit, aufmerksam wahrzunehmen, wie Menschen einen Ort bewohnen.


Fotografie zwischen Anthropologie und Vorstellungskraft
Parigi trennt Beobachtung nicht von Interpretation. Ihr ethnografisches Interesse schärft ihren Blick für soziale Räume und Alltagsverhalten. Zugleich verhindern ihre Arbeit mit Farbe, Doppelbelichtungen und experimentellen Verfahren, dass sich das Bild als neutral ausgibt.
Diese Spannung ist produktiv. Eine Fotografie kann die Welt beobachten und zugleich anerkennen, dass jedes Bild von der Person geprägt wird, die es macht.


Was als Nächstes kommt
Parigi möchte weiter an Projekten arbeiten, die neue imaginäre Welten erschaffen, und sich zugleich einer intimeren Porträtfotografie zuwenden. Für sie ist analoge Fotografie nicht nur eine künstlerische Technik, sondern eine Möglichkeit, die vielfältigen Lebensweisen von Menschen zu erkunden: wie sie leben, sich zeigen und die Welt um sich herum verstehen.
Die nächste Arbeit könnte sich also in zwei Richtungen zugleich bewegen: weiter ins Experiment und näher an die Menschen.
Fragen zu Costanzas Farbfilmfotografie
Was bedeutet Farbe in ihren Fotografien?
Für Costanza ist wiedergegebene Farbe eine Interpretation. Das Leben in Berlin hat sie darin bestärkt, Farben zu suchen und mit dem wechselnden Licht um sie herum zu arbeiten.
Wo entstand Brasil — Inner Cities Portraits?
Die Serie entstand zwischen 2024 und 2025 in Brasilien, hauptsächlich in Belém und Manaus. Sie folgt dem Alltag auf Märkten und in historischen Stadtzentren.
Wie setzt sie Doppelbelichtungen ein?
Sie experimentiert bewusst mit Doppelbelichtungen, um imaginäre Welten zu erschaffen. Einige dieser Fotografien wurden Teil ihres Fanzines Dreamscapes Unbound, das im Rahmen von Chubby Bambino entstand.
Weitere Gespräche über Fotografie, Erinnerung und kreative Entscheidungen findest du in Developing Stories.
Folge Costanza Parigi: @costanza_parigi · costanzaparigi.com
Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über die Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Fotografien, denen wir begegnen.