Eldin van Hengst, der unter dem Namen Diginaat arbeitet, war fünfzehn, als aus seinem Interesse an Fotografie mehr wurde. Gemeinsam mit einem Nachbarn fotografierte er Gegenstände und Landschaften. Danach organisierte er sich ein Praktikum bei einem Werbefotografen in Rotterdam. Dort ging es um Katalogaufnahmen von Kleidung an Schaufensterpuppen. Der Fotograf erinnerte ihn daran, dass man mit Fotografie auch Geld verdienen müsse.
Van Hengst erinnert sich, dass er über etwas ganz anderes nachgedacht hat: die Fotos, die er von echten Menschen machen wollte, und das Bedürfnis, sie nach seinen eigenen Vorstellungen zu machen.
Die ungeschliffene Wahrheit der Verletzlichkeit
An der Porträtfotografie reizt Van Hengst nicht technische Perfektion, sondern Verletzlichkeit. Ausdruck ist ihm wichtiger als Schärfe. Ein Foto darf fehlerhaft, unkontrolliert oder rau sein und trotzdem gelingen, wenn es ein Gefühl vermittelt.

Unvollkommenheit ist für ihn nicht bloß ein ästhetisches Mittel, sondern eine Spur des Menschlichen. Diese Haltung prägt eine Arbeit, die sinnlich, aufgewühlt und exzentrisch sein kann. Sie berührt oft emotionale und schmerzhafte Themen, ohne deren Ecken und Kanten zu glätten.
Arbeiten ohne festen Plan
Van Hengst beschreibt seine Arbeitsweise nicht als geordnet. Eine Idee kann von einem Gesicht ausgehen, einem Gefühl, der Atmosphäre eines Gebäudes, einem anderen Künstler oder sogar vom Licht in einem Videospiel. Ein Einfluss wie Helmut Newton kann dabei gleichberechtigt neben einer ganz unerwarteten Bildreferenz stehen.

Was folgt, ist intuitiv und experimentell. Van Hengst denkt leichter in Bildern als in Worten. Wie das fertige Foto aussehen soll, weiß er zu Beginn selten. Die Zusammenarbeit mit einem Model wird deshalb zur gemeinsamen Suche statt zur Umsetzung eines festen Plans.
Er folgt Impulsen und lässt das Werk seine eigene Richtung offenbaren.

Leben und Arbeit sind eins
Van Hengst trennt kaum zwischen Fotografie und Leben. Nicht nur beeinflusst das eine das andere: In seiner Beschreibung sind beide so eng verwoben, dass sie eins werden.
Das wurde deutlicher, als er sich selbstständig machte. Zunächst glaubte er, ein „richtiger“ Fotograf müsse die glücklichen Familienporträts aufnehmen, die er überall sah. Begegnungen mit Menschen, die seine radikaleren Ideen unterstützten, veränderten das. Daraus wurde beinahe eine Regel: Wenn eine Idee zu weit zu gehen scheint, geh noch einen Schritt weiter.

Mit der Zeit wich die Sorge darüber, wie andere die Arbeit annehmen könnten, dem Vertrauen auf seinen eigenen Instinkt.
„I Close My Eyes Coldly“
Eines seiner persönlichsten Werke, I Close My Eyes Coldly, entstand 2022 in Erinnerung an einen Freund. Die Arbeit setzt sich mit einem von unerträglichem Schmerz überwältigten Leben auseinander und versucht, Stärke und Verletzlichkeit in einem Bild zusammenzuhalten.

Sie gehört zu einer größeren Werkgruppe, in der schon die Titel emotionales Gewicht tragen. Verschwinden, Angst, Stille, Sehnsucht und private Räume erscheinen nicht als nachträgliche Bildunterschriften, sondern führen die Atmosphäre der Fotografien weiter.
Wenn sich die Dunkelheit verändert
Heute befindet sich Van Hengst künstlerisch auf ungewohntem Boden. Vieles, was ihn früher inspirierte, kam aus dunklen Lebensphasen. In letzter Zeit sei er jedoch glücklicher als je zuvor, erzählt er.

Dieses Glück wirft eine eigene künstlerische Frage auf: Was wird aus einer Arbeit, die zum Teil aus Schmerz entstanden ist, wenn der Künstler nicht mehr in derselben Dunkelheit lebt?
Sein größtes Projekt ist derzeit, sich als Künstler neu zu entdecken und diesem leichteren Lebensabschnitt Raum in seiner Arbeit zu geben – ohne ihn dem früheren Werk angleichen zu müssen.

Ein Raum ohne Grenzen
Sein nächster konkreter Traum ist ein Atelier: ein Ort, an dem die Ideen in seinem Kopf Gestalt annehmen können, ohne an ein einziges Medium gebunden zu sein. Er möchte über die Fotografie hinaus experimentieren, offener mit verschiedenen künstlerischen Mitteln arbeiten und diese Erkundungen später in einer Einzelausstellung zusammenführen.
Dabei möchte er nicht weniger radikal werden. Er möchte herausfinden, wie Radikalität, Verletzlichkeit und Freiheit aussehen, wenn sie aus einer anderen emotionalen Verfassung heraus entstehen.

Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter der fotografischen Arbeit.