Hazal Karadag hatte an dem Tag, an dem sie ihre erste Analogkamera kaufte, nicht geplant, mit Filmfotografie anzufangen. Sie war nur zum Stöbern in einen kleinen Secondhandladen in Schöneberg gegangen. Dort sah sie eine günstige Kompaktkamera – und eine Neugier, die sie seit Jahren begleitete, wurde plötzlich greifbar.
Sie wusste fast nichts über die Kamera, nicht einmal, welchen Film oder welche Batterie sie benötigte. Der Kauf war spontan. Aus diesem Zufall wurde eine dauerhafte fotografische Beschäftigung.
Wenn ein kleines Detail bewahrt werden will
Karadag fotografiert den Alltag: Gegenstände, Farben, Muster, Freunde, Tiere und kleine Momente, die ihr unterwegs begegnen. Warum sie gerade etwas Bestimmtes festhalten möchte, lässt sich für sie schwer erklären. Oft beginnt die Entscheidung mit einem Gefühl.

Eine Farbe oder Anordnung fällt einfach ins Auge. Die Reaktion kommt sofort: Ich möchte mich daran erinnern.
Fotografie verleiht etwas Gewicht, das sonst vielleicht unbemerkt geblieben wäre.

Bildwirkung und emotionaler Wert sind nicht immer dasselbe
Karadag unterscheidet zwischen Fotografien, die sie aufgrund ihrer formalen Qualität behält, und solchen, die sie aufgrund dessen behält, was sie in ihr auslösen. Manchmal überschneiden sich die beiden; oft ist das nicht der Fall.
Auch ein technisch unvollkommenes Foto kann wichtig bleiben, weil es sie zu einem Menschen, einem Ort oder einem Lebensabschnitt zurückführt. Besonders deutlich zeigt sich diese Trennung von emotionalem Wert und technischer Perfektion an ihrem Foto eines großen roten Autos vor einem weißen Gebäude.

Das rote Auto
Die ungestellte Szene entdeckte Karadag auf einem ihrer ersten Fotospaziergänge nach ihrer Rückkehr nach Berlin 2023. Sie erkundete ihr Viertel neu und fotografierte, was sie aus dem gewöhnlichen Rhythmus des Gehens herausholte.
Technisch ist die Aufnahme nicht perfekt; nicht einmal die Vorderseite des Autos ist ganz zu sehen. Doch das Foto bewahrt die Erinnerung an diesen Tag und die Freude, unverhofft etwas Schönes entdeckt zu haben.

Zufall ist wichtig, aber für sie nichts Passives. Die Kamera mitzunehmen und auf Fotospaziergänge zu gehen, schafft erst die Voraussetzungen für solche Begegnungen. Je öfter sie unterwegs ist, desto besser erkennt sie, wo ein Motiv auf sie warten könnte.
Tiere, die sich nicht für die Kamera inszenieren
Karadag interessiert sich für Tiere, weil ihr Ausdruck oft rätselhaft bleibt. Menschen verändern meist Haltung oder Mimik, sobald sie eine Kamera bemerken. Das Bewusstsein, fotografiert zu werden, verändert den ursprünglichen Moment.

Tiere verhalten sich dagegen oft unverändert, wenn sie sich wohlfühlen. Ihr neutraler Ausdruck lässt außerdem Raum für den übrigen Bildaufbau, statt ihn zu beherrschen.
Aus einem ähnlichen Grund möchte sie inzwischen auch Kinder fotografieren: Ihre Bewegungen sind oft unbefangen und schwer vorhersehbar. Diese Welt war bisher kein Teil ihrer fotografischen Aufmerksamkeit, doch nun möchte sie genauer hinsehen.

Berlin zu Fuß wiederentdecken
Das Foto des roten Autos gehört zu einer größeren Verbindung zwischen Fotografie und der Rückkehr in eine Stadt. Die Arbeit auf Film begleitete Karadags erneutes Ankommen in Berlin. Mit der Kamera ging sie durch vertraute Straßen, entdeckte sie neu und verwandelte ihre alltägliche Umgebung langsam in ein persönliches Archiv.
Den gesamten Prozess verstehen
Als Nächstes möchte sie Filmentwicklung und Scannen lernen. Es geht ihr nicht nur darum, unabhängig arbeiten zu können. Sie möchte verstehen, wie sich jeder einzelne Schritt auf das fertige Bild auswirkt.

Wenn sie die Wirkung von Entwicklung, Scan und anderen Entscheidungen kennt, kann sie schon bei der Belichtung bewusster handeln. Kontrolle entsteht für sie durch Verständnis, nicht dadurch, jede Ungewissheit auszuschließen.
Wenn gewöhnliche Momente zur Erinnerung werden
Karadag möchte mit ihrer Geschichte etwas Einfaches vermitteln: Eine Farbe, ein Tier, ein Gegenstand, ein Mensch oder ein kleines Ereignis können zunächst ganz alltäglich wirken. Aufmerksamkeit kann ihnen ein zweites Leben geben.

Mit der Zeit sind diese Fragmente nicht mehr bloß Bilder. Sie werden zu Orientierungspunkten für Orte, Menschen und Lebensphasen. Beim Fotografieren lässt sich nicht voraussehen, welcher alltägliche Moment später wichtig wird. Man kann nur entscheiden, dass er es wert ist, bewahrt zu werden.
Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Filmen, die wir entwickeln.