Für Miguel Inzunza wird die analoge Fotografie zu einer Möglichkeit, langsamer zu werden, aufmerksamer zu sein und die alltäglichen Momente festzuhalten, die sonst vielleicht unbemerkt bleiben würden.
Langsam genug werden, um wirklich hinzusehen
Fotografie gehört zu Miguel Inzunzas Leben, seit er denken kann. Als Kind spielte er mit der Familienkamera. Später bekam er zu Weihnachten eine Sofortbildkamera und fotografierte damit die Menschen um sich herum. Die Kameras wechselten, doch der Impuls blieb: im Alltag etwas zu entdecken, das es wert ist, festgehalten zu werden.
Seit er sich bewusster mit analoger Fotografie beschäftigt, lernt er dabei mehr als nur Technik. Film verlangt Geduld. Er muss sich für ein Bild entscheiden, ohne sofort zu wissen, ob es gelungen ist. Vor allem lernt er, aufmerksam zu sein, bevor er den Auslöser drückt.

Menschen mitten im Leben
Miguel interessieren besonders die Begegnungen zwischen Menschen: in der Familie, unter Freunden und in den kleinen, beiläufigen Momenten an öffentlichen Orten. Er löst Menschen nicht aus ihrer Umgebung, sondern fotografiert sie in den Situationen, in denen sie sich gerade befinden.
Dazu passt die analoge Fotografie besonders gut. Ein Film hat nur eine begrenzte Zahl von Aufnahmen. Es gibt weder endlose Folgen fast identischer Bilder noch ein Display, das sofort zur Bewertung auffordert. Zuerst fällt die Entscheidung, das Ergebnis kommt später.
Für Miguel wird dadurch die Komposition bewusster und der Moment selbst präsenter.

Eine Kamera, die Kinder nicht verstehen
Mit einer Analogkamera unterwegs zu sein, hat ihm auch gezeigt, wie schnell sich die kulturelle Bedeutung dieses Gegenstands verändert hat.
Kinder bemerken die Kamera, die er um den Hals trägt. Als er einmal ein Foto gemacht hatte, wollten sie das Bild sofort sehen. Miguel musste erklären, dass er ihnen noch nichts zeigen konnte. Das Foto lag als latentes, unsichtbares Bild im Inneren der Kamera und musste erst entwickelt werden.
Ihre Verwirrung blieb ihm in Erinnerung. Für eine Generation, die sofort sichtbare Bilder gewohnt ist, wirkt der Rhythmus der Filmfotografie fast fremd: jetzt fotografieren, das Bild erst später entdecken.

Diese Verzögerung ist genau das, was Miguel schätzt.
Der schlafende Hund
Eines seiner bisherigen Lieblingsbilder zeigt keine dramatische Szene. Es ist ein Foto seines Hundes, der in seiner vertrauten Haltung schläft.
Gerade diese Vertrautheit macht das Bild bedeutsam. Es musste nichts Außergewöhnliches geschehen. Das Foto hält fest, dass auch eine alltägliche, ständig wiederkehrende Geste nicht für immer selbstverständlich bleiben wird.

Dies ist für Miguel eine der stillen Kräfte der Fotografie: Momente einzufrieren, die im Alltag leicht zu übersehen sind.
Farbe für das Leben, Schwarzweiß für Ideen
Farbe und Schwarzweiß haben für ihn unterschiedliche Aufgaben. Im Alltag zieht es ihn ganz selbstverständlich zur Farbe. Sie gehört zur Atmosphäre eines Ortes und zum unmittelbaren Erleben, dort zu sein.
Farbe ist aber auch zusätzliche Information. Manchmal lenkt sie von dem ab, was Miguel mit einem Bild ausdrücken möchte. Dann erscheint ihm Schwarzweiß direkter: Eine Ebene fällt weg, und eine Idee, Geste oder Beziehung rückt in den Mittelpunkt.

Keiner der beiden Ansätze ist für ihn authentischer. Sie stellen der Szene einfach unterschiedliche Fragen.
Wenn ein Foto zur Nostalgie wird
Ein Foto muss im Moment der Aufnahme noch nicht bedeutsam wirken. Miguel glaubt, dass fast jedes Bild mit der Zeit an Gewicht gewinnen kann. Irgendwann steht es für ein Leben, das es so nicht mehr gibt.
Das Foto führt zurück in den Moment seiner Entstehung. Menschen verändern sich, Orte und Beziehungen ebenso. Auch der Fotograf, der später auf das Bild schaut, ist nicht mehr ganz derselbe.

Aus diesem zeitlichen Abstand entsteht Nostalgie.
Den Alltag dokumentieren
Miguel versucht derzeit nicht, seine Fotografie in ein großes Projekt zu pressen. Er dokumentiert den Alltag und möchte lernen, genauer hinzusehen und bessere Bilder zu machen.
Diese Offenheit gehört zur Arbeit. Familie, Freunde, Straßen, öffentliche Räume und kleine Zufälle können zu Motiven werden. Die Herausforderung besteht nicht darin, Außergewöhnliches zu finden, sondern aufmerksam genug zu sein, wenn sich im Gewöhnlichen für einen Augenblick ein Bild zeigt.

Als Nächstes möchte er das Mittelformat erkunden – einen weiteren Schritt in eine Arbeitsweise, die noch mehr Geduld und bewusste Entscheidungen verlangt.
Der glückliche Zufall
Einige seiner wertvollsten Fotos beschreibt Miguel als Zufälle. Er meint damit keine Flüchtigkeitsfehler, sondern Momente, die sich nicht vollständig planen ließen: Jemand blickte gerade in eine bestimmte Richtung. Zwei Menschen standen für einen Augenblick in einer Linie. Eine Geste tauchte auf und war gleich wieder vorbei.
Die Aufgabe des Fotografen ist, solche Momente wahrzunehmen.

Darin liegt für Miguel zunehmend die wichtigste Lektion der analogen Fotografie: langsam genug werden, um die Welt um sich herum wahrzunehmen. Ein Foto beginnt schon vor dem Auslösen. Es beginnt mit Aufmerksamkeit.
Developing Stories ist eine redaktionelle Serie von Berlin Photo Studio über Fotografen, ihre Erinnerungen, Arbeitsmethoden und das Leben hinter den Bildern.