Mike Weinberg bezeichnet sich als Spätstarter in der Fotografie. Kameras interessierten ihn schon als Teenager, doch erst 2023 entstand eine engere Verbindung. Kurz vor seinem Umzug von Nashville nach New York City räumte er die Wohnung seines Vaters auf und fand dabei eine Nikon FM.
Sein Vater schenkte ihm die Kamera. In New York belichtete Weinberg seine ersten drei Filme in Schwarzweiß. Die Negative und Scans zum ersten Mal zu sehen, sei überwältigend gewesen, erinnert er sich. Von da an gehörte die Filmfotografie untrennbar dazu, wie er sich durch die Stadt bewegte.

Sich in der Welt verlieren
Weinbergs Bilder haben oft eine filmische Anmutung. Manchmal entsteht sie durch das Licht, manchmal durch den Ausschnitt, häufig durch Menschen in einer größeren Umgebung. Er hält beim Fotografieren gern genügend Abstand, damit niemand für die Kamera posiert. Ihn reizt, dass Betrachtende in eine Szene eintauchen können, statt nur ein Motiv anzusehen.

Mit einer Kamera verändert sich seine Aufmerksamkeit. Statt nur auf ein Ziel zuzugehen, bemerkt er Blickwinkel, Formen und kleine Ausschnitte, die ihn stehen bleiben lassen.
„Filmfotografie erlaubt mir stattdessen, mich in der Welt zu verlieren.“
Dieses Gefühl, ganz im Moment zu sein, ist ein Grund, warum digitale Fotografie für ihn nie denselben Reiz hatte. Ohne jedes Bild kontrollieren zu können, bleibt er beim Erleben. Das tage- oder wochenlange Warten fügt eine weitere Ebene hinzu: Die Fotos führen zu bereits Erlebtem zurück, mit erwarteten Aufnahmen und überraschenden Bildern, die er längst vergessen hatte.

Geduld und Timing
Eine Reise nach Siesta Key in Florida bestätigte ihm das. Zwei Wochen lang fotografierte er Strand und Stadt, ohne von seinen Aufnahmen besonders begeistert zu sein. Am letzten Tag, kurz vor Sonnenuntergang, passte plötzlich alles. Er machte rund fünfzig Fotos, von denen sich viele schon beim Fotografieren stärker anfühlten als die der vergangenen Tage.

Für Weinberg ging es bei der Lektion nicht darum, einem produktiven Tag hinterherzujagen. Im Gegenteil: Großartige Bilder lassen sich nicht erzwingen. Geduld, Neugier und Timing sind wichtiger als Druck.

Derselbe Gedanke findet sich in seinem laufenden Projekt Just Look Up. Es beschäftigt sich mit Licht, das durch Bäume fällt. Die Arbeit entstand teilweise aus der Meditation: unter Bäumen sitzen und von unten Wind, bewegte Blätter und Sonnenlicht wahrnehmen.
New York als prägender Ort der Fotografie
Weinberg ist sich nicht sicher, ob er ohne New York derselbe Fotograf geworden wäre. Die Stadt bietet ihm Architektur, Parks, wechselndes Licht und einen endlosen Strom von Menschen, die sich durch verschiedene Umgebungen bewegen. Er fragt sich, ob die Stadt seine Bildsprache geprägt hat oder ob er zufällig an dem Ort gelandet ist, der bereits das enthielt, was er fotografieren wollte.

„Der Weg ist das Ziel.“
Seine allererste Aufnahme auf Film – das Flatiron Building im Winter, vom Madison Square Park aus gesehen – gewann erst später an Bedeutung. Anfangs hielt er wenig von ihr. Als er Jahre danach Abzüge verkaufte, war sie das erste gerahmte Foto, das einen Käufer fand, noch dazu zu einem höheren Preis als Bilder, die er selbst stärker fand. Das erinnerte ihn daran, dass Fotos ihre Bedeutung nicht immer sofort offenbaren.

Der tiefere Wert liegt für Weinberg weiterhin im Tun selbst: anwesend sein, umherstreifen, warten, entwickeln, Bilder bearbeiten und sie schließlich mit anderen teilen. Das Foto zählt, aber die Erfahrung, die es ermöglicht hat, zählt ebenso.

Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Fotografien, denen wir begegnen.