Nick Carver lernte Schwarzweißfotografie und das Vergrößern in der Dunkelkammer in einem Wahlfach an seiner Mittelschule kennen. Beides verband zwei Bedürfnisse, die ihn bis heute begleiten: sich kreativ auszudrücken und technische Aufgaben zu lösen.
Diese Verbindung führte ihn schließlich zu Großformat- und Panoramafotografie auf Film. Doch der Wert dieser Arbeitsweise liegt nicht nur in der Technik. In einer Kultur, die auf Geschwindigkeit setzt und ständig um Aufmerksamkeit wirbt, nutzt Carver langsames Fotografieren als Gegenmittel.
Ein Gegenmittel zur Hast
Die Arbeit mit Großformat verlangt ein anderes Tempo. Die Kamera aufbauen, sorgfältig komponieren und nur wenige Aufnahmen machen: Das unterbricht den Druck, immer mehr und immer schneller leisten zu müssen.

Carver beschreibt die Wirkung ganz einfach: Wenn er so fotografiert, fühlt er sich entspannter und glücklicher. Die Langsamkeit verschafft seinem Kopf eine Pause vom Lärm des modernen Lebens.
Der Spirituosenladen, der seinen Blick veränderte
Carver widmete sich lange Zeit Naturszenen ohne sichtbaren menschlichen Einfluss. Dann fotografierte er Houston’s Liquor, einfach weil er das Gebäude auf Film sehen wollte.

Das Bild markierte einen Übergang. Es zeigte ihm, dass gewöhnliche Stadtarchitektur fotografisch genauso befriedigend sein konnte wie eine Landschaft, und eröffnete ein ganzes Feld neuer Motive in seiner Umgebung.
Seither rückten unscheinbare Gebäude stärker in den Mittelpunkt: Läden an der Ecke, alte Restaurants, Hintergassen, kleine Betriebe und Bauwerke, an denen Millionen Menschen achtlos vorbeifahren könnten.

Nicht dort stehen, wo gerade schon alle waren
Carver interessiert sich wenig dafür, eine weitere Version einer längst bekannten Ansicht zu fotografieren. Lieber nimmt er ein Gebäude auf, dem bislang niemand visuelle Bedeutung zugeschrieben hat, als sein Stativ dorthin zu stellen, wo schon unzählige Fotografen standen.
Dahinter stehen kreative und dokumentarische Gründe. Gerade gewöhnliche Gebäude sind oft vom Abriss bedroht, weil niemand sie für bedeutend hält. Ein Foto gewinnt an Gewicht, wenn Carver später erfährt, dass das Gebäude nicht mehr existiert.

Was bei der Aufnahme alltäglich erschien, kann zum Zeitzeugnis werden.
Warum der Abzug wichtiger ist als die Datei
Für Carver schafft ein greifbarer Abzug eine Verbindung, die keine digitale Datei je erreicht hat. Das Gefühl ist sogar stärker als beim Fotografieren selbst: Zufriedenheit, das Bewusstsein, etwas vollbracht zu haben, und Verbundenheit verdichten sich zu einem Gegenstand.

Negativ und Abzug gehören deshalb zur Bedeutung der Arbeit. Sie sind nicht bloß Speicher und Ausgabeformat. Für ihn ist die Fotografie erst vollendet, wenn sie greifbar wird.
Unterrichten heißt, die eigene Arbeit zu hinterfragen
Anderen Fotografie zu erklären, hat auch Carvers eigene Arbeit verändert. Beim Unterrichten muss er Entscheidungen untersuchen, die sonst vielleicht intuitiv blieben. Bevor er jemandem erklären kann, wie sich ein Problem angehen lässt, muss er seinen eigenen Ablauf so gut verstehen, dass er ihn in Worte fassen kann.

Diese Auseinandersetzung hat ihn technisch und gestalterisch weitergebracht. Zugleich besteht er darauf, dass die fertigen Fotografien am Ende für sich selbst sprechen.
Previously
Carvers laufendes Projekt Previously richtet den Blick auf Gebäude, die einst bekannten Restaurantketten gehörten: ehemalige Filialen von Taco Bell, Denny’s, Wienerschnitzel und ähnliche Bauten, deren ursprüngliche Identität auch nach einer neuen Nutzung noch durchscheint.

Hier wird Architektur zur Erinnerung: alltägliche gewerbliche Bauformen, deren Vergangenheit sich noch lesen lässt, wenn jemand genau hinschaut.
Das Projekt führt die Frage weiter, die mit Houston’s Liquor begann: Was geschieht, wenn ein Fotograf beschließt, gerade jene Orte genau anzusehen, an denen alle anderen vorbeifahren?

Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter der fotografischen Arbeit.