Paul Pietrek wuchs mit Fotografie auf. Seine Eltern waren Fotografen und schenkten ihm als Teenager eine DSLR. Einige Jahre später bat er darum, die Canon AE-1 seines Vaters benutzen zu dürfen. Der Schritt zum Film war auch eine kleine Rebellion: Während seine Eltern digital fotografierten, wollte er mit etwas Langsamerem arbeiten, dessen Ergebnis nicht sofort sichtbar war.
Daraus wurde eine langjährige fotografische Arbeit, geprägt von Experimenten, Freunden, dem Leben im Viertel und der Freude, nicht genau zu wissen, was aus dem Labor zurückkommen würde.
Einkaufswagen, Haaransätze, Hunde und Zuhause
Pietreks wiederkehrende Motive sind wunderbar konkret: Einkaufswagen, Haaransätze, Nacken, Hunde, sein Viertel, Freunde und Familie.

Diese Auswahl zeigt einen Fotografen, den weniger monumentale Szenen interessieren als kleine Ausschnitte: Dinge, die erst auffallen, wenn die Kamera sie aus dem Alltag herauslöst. Rund um den Leopoldplatz entsteht daraus ein lockeres visuelles Tagebuch des Viertels, in dem er mit seinem Freund und Mitbewohner Eric Feldmann lebt.
Sieben Jahre gemeinsam fotografieren
Pietrek und Feldmann lernten sich vor ungefähr sieben Jahren am ersten Tag ihres Studiums kennen. Seitdem gehört analoge Fotografie zu ihrer Freundschaft. Sie haben Kameras geteilt, Filme ausprobiert, einander fotografiert und immer wieder über die Arbeitsweise gesprochen.
Während eines Auslandssemesters beschäftigten sie sich besonders intensiv mit Schwarzweißfotografie, weil ihnen eine Dunkelkammer mit Vergrößerer zur Verfügung stand. Beim gemeinsamen Vergrößern wurde die Zusammenarbeit greifbar. Es ging nicht mehr nur darum, Film zu belichten, sondern gemeinsam zu entscheiden, was aus einem Bild auf Papier werden sollte.

Heute wohnen sie zusammen. So können sie dasselbe Viertel fotografieren und dabei ganz unterschiedliche persönliche Sichtweisen entwickeln.
Sie fotografieren dasselbe Viertel und entwickeln dabei ganz unterschiedliche persönliche Sichtweisen.

Eine Begrenzung, aus der Fülle entsteht
Pietrek mag die begrenzte Zahl der Aufnahmen auf einem Film. Ebenso reizt ihn, mit dieser Grenze zu spielen. Er experimentiert mit verschiedenen Filmtypen, Überbelichtung und Blitz bei Tageslicht. Flohmarktkameras bringen zusätzliche Spannung hinein, weil jede eine etwas andere Arbeitsweise nahelegt.
In den letzten Jahren haben größere Mengen 35-mm-Kinofilm den Rhythmus erneut verändert. Wenn er abends mit Freunden Meterware zuschneidet und in Patronen lädt, entsteht das Gefühl, beinahe unbegrenzt Film zur Verfügung zu haben. Paradoxerweise wird analoge Fotografie gerade dadurch weniger knapp, dass die Gruppe ihren Vorrat selbst vorbereitet.
Warten macht vergessene Fotos möglich
Pietrek sammelt oft mehrere belichtete Filme, bevor er sie zusammen entwickelt. Manche Aufnahmen hat er bis dahin beinahe vergessen.

Die Begegnung mit den Bildern birgt deshalb echte Überraschungen. Ein scheinbar unwichtiger Moment kann sich als spannende Aufnahme erweisen; ein sicher geglaubtes Bild kann misslingen. Das Warten löst die unmittelbare Verbindung zwischen Absicht und Urteil. Die Fotos kehren beinahe als Neuentdeckungen zurück.
Auf der Straße auf Menschen zugehen
Seine nächste Herausforderung ist nicht technischer Natur. Pietrek möchte in der Straßenfotografie aktiver werden, besonders bei Gesichtern. Er will näher herangehen, Menschen fotografieren und weniger Scheu vor den Begegnungen haben, die daraus entstehen können.

Bewusst provokant formuliert er es so: erst fotografieren, dann um Verzeihung bitten. Hinter dem Scherz steht ein ernstes Vorhaben. Nicht länger soll sein Zögern entscheiden, welche Begegnungen zu Bildern werden.
Korn statt Pixel
Auf die Frage, was seine Geschichte über seine Beziehung zum Film vermitteln soll, verdichtet Pietrek sieben Jahre mit Kameras, gemeinsam genutzten Dunkelkammern, selbst eingespultem Kinofilm und Streifzügen durchs Viertel auf drei Worte: „Korn statt Pixel.“
Korn statt Pixel.

Der Satz trifft es, weil diese Vorliebe nicht nur die Bildwirkung betrifft. Das Korn steht für den ganzen Ablauf: die Kamera vom Flohmarkt, den mit Freunden zugeschnittenen Film, das Warten, die vergessene Aufnahme und die Möglichkeit, in den fertigen Fotos etwas zu entdecken, von dem er selbst nicht wusste, dass er es festgehalten hatte.
Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Filmen, die wir entwickeln.