Rocío Tenaglia erinnert sich an ihre erste Analogkamera als einen Gegenstand, durch den sie sich erwachsener fühlte. Sie war zwölf und reiste mit einer Plastikkamera in der Hand zum Cerro Pan de Azúcar in Córdoba, Argentinien. Sich für eine Aufnahme zu entscheiden, ohne das Ergebnis sofort zu sehen, fühlte sich an wie ein kleiner Schritt in eine neue Welt.
Was ihr geblieben ist, ist das Gefühl, dass Fotografie einen Moment in eine Spur verwandeln kann – etwas, das später wiederkehren kann und mehr in sich trägt als das Ereignis selbst.
Lernen, der Bewegung zu vertrauen
Tenaglia studierte Bildende Kunst und Kommunikation, brachte sich das Fotografieren aber zu großen Teilen selbst bei. Diese Verbindung gibt ihrer Arbeit eine intuitive und zugleich ausgeprägt visuelle Grundlage. Sie hat die Bildgestaltung so verinnerlicht, dass sie vor dem Auslösen nicht mehr jede Entscheidung gedanklich durchgehen muss.
Manchmal werden ihre Fotografien als filmisch bezeichnet. Für Tenaglia beruht diese Qualität weniger auf der Inszenierung als vielmehr auf der Bewegung. Sie redet, hört zu und lässt eine Szene lebendig bleiben. Das Foto entsteht innerhalb dieses Flusses und nicht außerhalb davon.

Familie, Distanz und die Vorstellung von Heimat
In Tenaglias Fotos ist Heimat vielschichtig, weil sie nie an einem einzigen Ort feststand. Ihre Eltern ließen sich scheiden, die Familie ist über Argentinien verteilt, und sie selbst lebte in verschiedenen Häusern und Städten. Daraus entstand, wie sie es beschreibt, eine nostalgische Sehnsucht nach Ruhe und Zusammengehörigkeit.
Auch wegen dieser Unbeständigkeit fotografiert sie Wohnräume. Eine Wohnung in Berlin, ein familiärer Ort in Argentinien oder die Umgebung eines Porträts können genauso wichtig werden wie der Mensch darin. Ein Raum trägt Spuren einer Beziehung und eines bestimmten Lebensabschnitts.
Film als Alchemie und Intuition
Für Tenaglia ist Film keine langsamere Nachahmung digitaler Fotografie. Er verändert den Rhythmus einer Begegnung. Ohne sofortige Kontrolle gibt es weniger Gelegenheit, einen bereits vergangenen Moment nachträglich zu korrigieren.
Sie nennt diesen Prozess Alchemie und Intuition. Am intuitivsten ist der Augenblick des Auslösens: zu erkennen, dass gerade etwas geschieht, und nicht zu lange darüber nachzudenken.

Das anschließende Warten lässt sie dem Bild später losgelöst von den unmittelbaren Umständen der Aufnahme begegnen. Manchmal zeigt dieser Abstand ein Gefühl, das sie im Moment selbst noch nicht ganz verstanden hatte.
Wurzeln, Behälter und Freiheit
Unter den ausgewählten Fotografien greift ein Diptychon mit einem Baum und einer Gärtnerei viele ihrer wiederkehrenden Gedanken auf. Pflanzen können verwurzelt und frei sein oder eingehegt und umsorgt. Sie können für Heimat stehen und zugleich Begrenzung andeuten.
Tenaglia fühlt sich zu Pflanzen hingezogen, weil sie ein heiliges Geheimnis und eine Art stilles Wissen in sich bergen. Im Gegensatz zu Menschen reagieren sie nicht auf die Kamera, indem sie sich anpassen. Sie existieren einfach.

Diese Ruhe bietet ihr etwas anderes als die Porträtfotografie. Ein Mensch reagiert, tritt in Austausch und ist sich seines Betrachtetwerdens bewusst. Eine Pflanze kann sie ansehen, ohne dass ihr Blick erwidert wird.
Unterwegs sein und vertraut werden
An einem Ort, den sie besucht, fällt Tenaglia vor allem das Andere auf. Neue visuelle Eindrücke wecken ihre Neugier. An vertrauten Orten wird die Beziehung emotionaler: Dankbarkeit, Zuneigung und Wiedererkennen treten an die Stelle des Neuen.
Das sind keine Gegensätze, sondern zwei Wege, sich mit einem Ort zu verbinden. Der eine beginnt mit Überraschung, der andere mit Erinnerung.
Was ein Foto später verraten kann
Durch Selbstporträts hat Tenaglia gelernt, dass ein Bild etwas enthalten kann, das sie beim Fotografieren noch nicht ganz erkennt. Das Foto wird später zu einem Gespräch mit ihrem früheren Ich.

Das wünscht sie sich auch für die Begegnung mit ihrer Arbeit: keine vorgegebene Deutung, sondern ein Gefühl. Liebe, Fürsorge, Trauer, Dankbarkeit und Sehnsucht verstellen nicht den klaren Blick. Sie helfen uns, das Gesehene zu verstehen.
Fotografie kann nicht verhindern, dass sich ein Zuhause, eine Beziehung oder ein Mensch verändert. Aber sie kann die emotionale Gestalt dieser Veränderung so bewahren, dass wir später zu ihr zurückkehren können.
Developing Stories ist eine redaktionelle Reihe von Berlin Photo Studio über Menschen, Erinnerungen und Lebensgeschichten hinter den Filmen, die wir entwickeln.