Wenn Tanya Fishmann heute eine bestimmte Fotografie aus Phoenix betrachtet, fällt ihr ein fast farbloses Auge auf. Sie liest darin eine Zukunft, die noch keine Gestalt angenommen hat. Diese Bedeutung war nicht bewusst geplant, als sie das Bild 2022 aufnahm. Sie entstand erst später, beim erneuten Betrachten.
Diese Unterscheidung zieht sich durch ihre Arbeit. Ein Ritual findet statt; Fotografien bewahren einige seiner Spuren; die Person, die diese Bilder betrachtet, verändert sich weiter. Im Gespräch beschreibt Tanya, wie das Selbstporträt diese unterschiedlichen Momente zusammenführt, ohne sie gleichzusetzen.
Der eigene Körper im Werk
Tanyas Interesse an Kunst, Mythologie und Erfahrungen jenseits rationaler Erklärungen begann in ihrer Kindheit. Mit der Zeit fanden diese Interessen in ihrer künstlerischen Praxis zusammen. Sie sieht eine Verbindung zwischen Performance und den symbolischen Handlungen eines Rituals und wollte diesen Prozess selbst erleben.
Indem sie ihren Körper zugleich als Motiv und Werkzeug einsetzte, wurde das Selbstporträt zu einem selbstverständlichen Teil ihrer Arbeit. Fotografie war bereits ihr bevorzugtes Medium. Ritual und Kunst beschreibt sie als Ausdruck eines zusammenhängenden Prozesses – nicht als getrennte Tätigkeiten, die sie nachträglich verbunden hat.
Die Entstehung von Phoenix im Jahr 2022
Tanya verbindet Phoenix mit den Umbrüchen, die sie nach Russlands großangelegter Invasion der Ukraine 2022 erlebte. Sie erzählt, dass sie Kyiv verließ, wo sie ihr ganzes Leben verbracht hatte, an verschiedenen Orten lebte und schließlich nach Lviv zog. Sie erinnert sich, bei ihrer Ankunft kaum mehr als ihre Analogkameras und einige Ritualgegenstände besessen zu haben.
Sie suchte einen Weg, über das Erlebte nachzudenken. Der Phönix wurde zu einem bedeutungsvollen Bild, über das sie sich einem performativen Akt der Wiedergeburt nähern konnte. Die Arbeit sollte durch körperliches Handeln erfahrbar werden, nicht nur Veränderung bildlich darstellen.
Phoenix besteht aus digitalen Selbstporträts, die während einer rituellen Performance entstanden. Die Analogkameras in ihrer Erinnerung gehören zu den Umständen ihres Umzugs; diese konkrete Serie wurde nicht mit ihnen aufgenommen.


Ritual und Fotografie erfüllen unterschiedliche Aufgaben
Für Tanya ist die Performance bereits ein vollständiger künstlerischer Akt. Die Fotografien entstehen daraus als sichtbare Spuren des Rituals; das innere Erleben bleibt außerhalb des Bildes.
Sie beschreibt persönliche Veränderungen, die über die Performance hinaus anhalten. Ihre Aussagen über das therapeutische Potenzial des Rituals beziehen sich auf ihre eigene Erfahrung und Interpretation der Arbeit. Die Fotografien eröffnen einen anderen Zugang: eine Geste, ein Gesicht, ein Stück Stoff oder ein Bild, das später anders gelesen werden kann.
Während des Rituals versucht sie, die bewusste Kontrolle über das Bild loszulassen. Dadurch können visuelle Möglichkeiten entstehen, die sie durch gezielte Komposition nicht gefunden hätte. Erst danach betrachtet sie die Fotografien als Künstlerin, die eine Auswahl trifft.

Auswählen, ohne die zeitliche Abfolge zu verändern
Das Kostüm hilft Tanya, in den Zustand zu gelangen, den sie für die Performance braucht. Sie arbeitet intuitiv mit verfügbaren Materialien und Gegenständen. Gesten und Posen sind nicht vorab geplant; die Bewegung folgt ihrem Erleben.
Sie setzt die Kamera spontan ein. Sie erzählt, dass sie die Perspektive wechselt und wiederholt auslöst, ohne die Ergebnisse zu kontrollieren. Die Bildauswahl erfolgt später, oft an einem anderen Tag, wenn sie die Fotografien mit einer anderen Aufmerksamkeit betrachten kann.
„Ihre chronologische Reihenfolge bleibt immer erhalten, weil sie den tatsächlichen Verlauf des Rituals widerspiegelt.“
Sie entscheidet, welche Bilder bleiben, verändert aber nie ihre Reihenfolge. Damit trägt die Sequenz eine besondere Verantwortung: Sie muss den Verlauf des Geschehens bewahren. Eine visuell bequemere Anordnung würde diese Beziehung zur Performance verändern.

Ein Auge anders sehen
Die Fotografie, über die Tanya sprechen wollte, zeigt ihr Gesicht aus der Nähe, eine Hand und dunklen Stoff mit rotem Rand. Heute zieht ein blasses Auge ihren Blick auf sich. Sie verbindet es mit einer unbestimmten Zukunft, offen für Möglichkeiten, die sie 2022 noch nicht benennen konnte.
Damals entstand das Bild intuitiv. Beim Wiedersehen erkennt sie darin sowohl die Unsicherheit dieser Zeit als auch die Möglichkeit, das Kommende mitzugestalten. Die Fotografie ist geblieben; ihre Interpretation hat sich weiterentwickelt.

Die Rückkehr zu einem weitgehend unveröffentlichten Archiv
Auch nach Phoenix spielte das Selbstporträt eine wichtige Rolle in Tanyas künstlerischer Praxis. Heute betrachtet sie Fotografien aus den Jahren 2022–2023 erneut: einen weitgehend unveröffentlichten Werkkomplex, den sie Nigredo nennt. Einzelne Fotografien wurden bereits ausgestellt, das gesamte Archiv aber noch nicht öffentlich präsentiert.
Sie verwendet die alchemistischen Begriffe Nigredo und Albedo für ihren eigenen Prozess der erneuten Auseinandersetzung mit dieser Zeit. In ihrer Interpretation bedeutet der Weg zur Albedo, das Wesentliche der Erfahrung zu integrieren und ihre zerstörerischen Elemente allmählich loszulassen. Es ist keine Abkehr von der früheren Arbeit.
Das Archiv gibt ihr einen Ort, von der Gegenwart aus neu hinzusehen. Diese Rückkehr ist selbst Teil der Veränderung ihrer Praxis.
Bedeutung offenlassen
Tanya nennt Carl Jungs Vorstellungen von Symbolen und Archetypen als Einfluss. Sie möchte aber nicht, dass diese Ideen oder ihre eigene Darstellung vorschreiben, wie andere die Fotografien verstehen müssen.
Sie interessiert sich dafür, dass ein Bild etwas Persönliches auslösen kann, bevor Betrachtende erklären können, warum. Ihre Deutung des Auges ist ein Zugang zur Arbeit. Andere Menschen entdecken vielleicht etwas anderes.
Ihre Arbeitsweise eröffnet allen, die zu einem älteren Foto zurückkehren, zwei Fragen: Was geschah, als es entstand? Und was hat sich in der Person verändert, die es heute betrachtet? Beide Fragen können nebeneinander bestehen, ohne eine einzige abschließende Antwort zu verlangen.
Fragen zu Phoenix und Selbstporträts
Was ist Phoenix von Tanya Fishmann?
Phoenix ist eine Serie digitaler Selbstporträts von 2022, entstanden während einer rituellen Performance. Tanya beschreibt die Fotografien als Spuren eines künstlerischen Akts, der in sich bereits vollständig ist.
Wie ordnet sie die Fotografien an?
Sie wählt die Bilder nach der Performance aus und bewahrt dabei ihre ursprüngliche chronologische Reihenfolge. Die Sequenz wird nicht umgestellt.
Warum ist die Rückkehr zum Archiv für ihre Arbeit wichtig?
Mit zeitlichem Abstand erkennt sie Bedeutungen, die sie den Bildern bei ihrer Entstehung nicht bewusst gegeben hatte. Ihre heutige Deutung des Auges in Phoenix ist ein Beispiel dafür.
Mehr erfährst du auf Tanya Fishmanns Website. Ein weiteres Gespräch über Bilder, deren Bedeutung sich mit der Zeit verändert, findest du hier: Alejandra Quintana — Das Foto bleibt, wir verändern uns.
Basierend auf Tanya Fishmanns schriftlichem Interview und ihrer Projektvorstellung von Phoenix für Developing Stories. Interview und Redaktion: Emiliano Vittoriosi / Berlin Photo Studio. Fotografien: Tanya Fishmann, Phoenix (2022). Aus dem Englischen übersetzt.