Leopoldplatz Vol. I: Ein Interview mit Emiliano Vittoriosi

Leopoldplatz Vol. I: Ein Interview mit Emiliano Vittoriosi – Berlin Photo Studio

Manche Orte müssen nicht laut werden, um eine Geschichte zu erzählen.

Leopoldplatz Vol. I ist ein stiller Spaziergang durch Berlin-Wedding, gesehen durch Emiliano Vittoriosis analoge Schwarzweißfotografie. Es ist kein klassisches Dokumentarprojekt und versucht nicht, den Leopoldplatz von außen zu erklären. Stattdessen richtet sich der Blick auf kleine, oft übersehene Spuren: Schatten an Gebäuden, leere Stühle, gezeichnete Wände, Bäume, Straßenlinien, zurückgelassene Gegenstände und Momente, in denen die Stadt für eine Sekunde stillzustehen scheint.

Diese Publikation handelt von Anwesenheit und Abwesenheit. Von dem, was Menschen zurücklassen. Davon, wie ein Viertel zum Spiegel werden kann – nicht nur der Stadt, sondern auch der Person, die es durchstreift.

Im Interview spricht Emiliano über die Gefühlswelt hinter Leopoldplatz Vol. I, über die Rolle der analogen Fotografie, darüber, warum Schwarzweiß zur natürlichen Sprache des Projekts wurde, und wie gewöhnliche Fragmente der Stadt Erinnerung, Stille und Bedeutung tragen können.

Leopoldplatz Vol.1 von Emiliano Vittoriosi – Photo Studio Berlin

Frage: Leopoldplatz Vol. I wirkt weniger wie ein klassisches Fotobuch als wie ein Spaziergang durch einen inneren Zustand. Wie würdest du die Publikation beschreiben?

Emiliano Vittoriosi:
Für mich ist Leopoldplatz Vol. I keine Geschichte mit Anfang und Ende. Es ist eher ein Ausschnitt aus einem Spaziergang, ein kleines Stück Zeit. Die Bilder wollen den Leopoldplatz nicht dokumentarisch erklären. Sie sind eher Spuren.

Eine Wand, ein Stuhl, ein Schatten, ein Baum, ein Auto, ein Spiegel auf der Straße. Das sind gewöhnliche Dinge. Aber wenn man sie langsam betrachtet, beginnen sie zu sprechen. Darum geht es im Buch: dem zuzuhören, was normalerweise stumm bleibt.

Das Buch handelt davon, dem zuzuhören, was normalerweise stumm bleibt.

Frage: Warum Leopoldplatz?

Emiliano:
Weil der Leopoldplatz nicht nur ein Platz ist. Er ist ein Kreuzungspunkt. Menschen gehen hindurch, warten dort, leben in seiner Nähe, verschwinden darin. Er hat viele Schichten.

Er kann schön, rau, poetisch, unangenehm, vergessen und lebendig wirken – alles gleichzeitig. Solche Orte interessieren mich, weil sie keine einzige klare Antwort geben. Sie sind widersprüchlich, wie Menschen.

Der Leopoldplatz liegt nah an meinem Studio, aber auch nah an meinem Alltag. Ihn zu fotografieren wurde zu einer Möglichkeit, den Ort zu verstehen – und mich selbst darin.

Leopoldplatz Vol.1 von Emiliano Vittoriosi – Photo Studio Berlin

Frage: Das Buch ist vollständig in Schwarzweiß. War das eine ästhetische oder eine emotionale Entscheidung?

Emiliano:
Beides. Schwarzweiß nimmt einige Ablenkungen weg. Es macht das Bild direkter, aber auch rätselhafter.

Farbe sagt dir oft, was etwas ist. Schwarzweiß fragt dich, wie es sich anfühlt.

Farbe sagt dir oft, was etwas ist. Schwarzweiß fragt dich, wie es sich anfühlt.

In dieser Arbeit sollte der Betrachter die Beschaffenheit der Straße spüren: das Korn, den Staub, das Licht, die harten Schatten. Schwarzweiß hilft mir, die Stadt in etwas Inneres zu verwandeln, fast wie eine Erinnerung.

Frage: Viele Bilder zeigen Gegenstände oder leere Räume statt Menschen. Warum?

Emiliano:
Weil Menschen überall Spuren hinterlassen.

Ein an einen Pfosten gebundener Stuhl erzählt etwas. Eine unterbrochene Linie auf der Straße erzählt etwas. Eine Wand voller Zeichen erzählt etwas. Ein draußen abgestellter Spiegel reflektiert die Welt, ohne dass jemand davorstehen muss.

Ich muss nicht immer ein Gesicht fotografieren, um von menschlicher Anwesenheit zu sprechen. Manchmal ist die Abwesenheit lauter.

Frage: Die Publikation vermittelt eine starke Stille. War das beabsichtigt?

Emiliano:
Ja, aber keine unberührte Stille. Eher die Stille nach dem Lärm.

Der Leopoldplatz ist nicht wirklich still. Da sind Verkehr, Stimmen, Spannung und Bewegung. Beim Fotografieren suche ich aber oft den Moment, in dem alles für eine Sekunde zur Ruhe kommt.

Diese Art von Stille interessiert mich. Sie ist nicht leer. Sie ist voller Dinge, die gerade geschehen sind oder gleich geschehen werden.

Fotografie aus Leopoldplatz Vol. I von Emiliano Vittoriosi, Bild 1 von 2

Frage: Die ersten Seiten sind sehr reduziert, fast leer: ein rosa Umschlag, dann Schwarz, dann Weiß. Warum dieser Anfang?

Emiliano:
Ich wollte, dass sich das Buch langsam öffnet.

Der rosa Umschlag wirkt fast weich, vielleicht sogar unschuldig. Dann kommt eine schwarze Seite, dann eine weiße. Es ist wie das Durchschreiten einer Tür. Bevor man auf die Straße tritt, gibt es eine Pause.

Für mich braucht ein Buch Raum zum Atmen. Nicht alles muss sofort sprechen.

Frage: Die Fotos zeigen oft starke Kontraste: Licht, das Gebäude durchschneidet, dunkle Bäume, schwere Schatten. Welche Rolle spielt Licht in dieser Arbeit?

Emiliano:
Das Licht ist das eigentliche Motiv.

Die Gegenstände sind da, aber das Licht entscheidet, wie wir ihnen begegnen. Ein gewöhnliches Gebäude kann durch einen Schatten dramatisch werden. Ein Baum kann fast spirituell wirken, je nachdem, wie das Licht durch ihn fällt.

Bei Fotografie geht es nicht nur darum, was vor dir ist. Es geht darum, was das Licht sichtbar macht und was es verbirgt.

Frage: Die Bilder haben etwas fast Melancholisches, ohne traurig zu wirken. Wie siehst du das?

Emiliano:
Melancholie ist nicht immer Traurigkeit. Manchmal ist sie Aufmerksamkeit.

Wenn du gewöhnliche Dinge sorgfältig betrachtest, merkst du, dass sie vergänglich sind. Der Stuhl wird weggeräumt. Das Graffiti verändert sich. Das Licht verschwindet. Die Person, die dort sitzt, geht weiter.

Fotografie hilft mir, diese Dinge einen Moment lang festzuhalten. Nicht für immer, aber lange genug, um zu sagen: „Das hat existiert.“

Fotografie aus Leopoldplatz Vol. I von Emiliano Vittoriosi, Bild 2 von 2

Frage: Was gibt die analoge Fotografie diesem Projekt, das digitale Fotografie nicht geben würde?

Emiliano:
Analoge Fotografie schafft Abstand. Sie lässt mich langsamer werden.

Auf Film sehe ich das Bild nicht sofort. Ich muss dem Moment vertrauen. Ein kleines Risiko bleibt immer, und das mag ich. Das Korn, die Unvollkommenheiten, die Weichheit sind für mich keine Fehler. Sie gehören zur Sprache.

Der Leopoldplatz ist nicht glatt poliert. Deshalb sollten sich auch die Bilder nicht zu glatt anfühlen.

Frage: Das Buch trägt den Zusatz Vol. I. Heißt das, es gehört zu einem größeren Projekt?

Emiliano:
Ja. Ich sehe es als erstes Kapitel einer längeren Beobachtung.

Der Leopoldplatz verändert sich ständig. Das Viertel verändert sich, die Menschen verändern sich, ich verändere mich. Ich möchte das Thema nicht zu schnell abschließen. Ich will immer wieder zurückkehren, wie jemand, der dieselbe Straße besucht und jedes Mal andere Gespenster bemerkt.

Vol. I ist der Grundstein.

Frage: Was sollen Menschen empfinden, wenn sie die Publikation betrachten?

Emiliano:
Ich hoffe, dass sie langsamer werden.

Nicht jeder muss genau verstehen, was ich empfunden habe. Mir wäre lieber, die Menschen bringen ihre eigenen Erinnerungen in die Bilder mit. Vielleicht erkennen sie eine Ecke wieder. Vielleicht denken sie an eine andere Stadt oder erinnern sich an eine Straße aus ihrer Kindheit.

Für mich legt ein gutes Foto Bedeutung nicht fest. Es öffnet eine kleine Tür.

Frage: Ist dieses Buch über Berlin?

Emiliano:
Ja, aber nicht nur.

Es geht um Berlin, um Berlin-Wedding, um den Leopoldplatz. Aber auch darum, wie wir Orte bewohnen, ohne sie immer zu sehen. Jede Stadt hat solche Ecken. Jeder Mensch hat irgendwo seinen eigenen Leopoldplatz.

Einen Ort, der von außen gewöhnlich aussieht, aber voller persönlicher Bedeutung ist, sobald man genauer hinschaut.

Frage: Wenn du Leopoldplatz Vol. I in einem Satz beschreiben müsstest, was würdest du sagen?

Emiliano:
Es ist ein stiller Spaziergang durch die sichtbaren und unsichtbaren Spuren eines Ortes.

Frage: Und wenn das Buch einen Klang hätte?

Emiliano:
Vielleicht Schritte, Verkehr in der Ferne, eine Flasche, die über den Gehweg rollt, raschelnde Blätter, eine entfernte Stimme – und dann einen kurzen Moment der Stille.

So würde es klingen.

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Emiliano Vittoriosi ist Fotograf, Creative Director und Gründer von Berlin Photo Studio. Er stammt aus Neapel und lebt seit 2015 in Berlin. Seine Arbeit beschäftigt sich häufig mit Alltag, urbanen Spuren, Erinnerung und der emotionalen Beziehung zwischen Menschen und Orten. Mit analoger Fotografie sucht er nach stillen Fragmenten, die etwas Tieferes über die Welt um uns herum zeigen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist Leopoldplatz Vol. I?

Es ist ein fotografisches Projekt mit einem begleitenden Interview über den Leopoldplatz und Emiliano Vittoriosis Blick auf Menschen, Orte und den Alltag rund um Berlin Photo Studio.

Wer ist Emiliano Vittoriosi?

Emiliano ist Fotograf, Creative Director und Gründer von Berlin Photo Studio. Seine Arbeit verbindet analoge Fotografie, visuelles Erzählen, Vermittlung und gemeinschaftliche Projekte.

Warum werden Interview und Fotografien verbunden?

Das Interview gibt Hintergrund, ohne die Bilder zu ersetzen. Es hilft, die Aufmerksamkeit, persönliche Geschichte und Entscheidungen hinter der Bildfolge zu verstehen.

Wie können Leser das Projekt für die eigene Arbeit nutzen?

Wähle einen vertrauten Ort, kehre mehrmals zurück und fotografiere, ohne schon beim ersten Besuch eine vollständige Geschichte erzwingen zu wollen. Beginne mit der Bildauswahl erst, wenn wiederkehrende Gesten und Beziehungen sichtbar werden.

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